Reutlingen Von Menschen mit Handicap lernen

Aiga Weiß (links) und Simone Briese-Baetke mit Pokal und Goldmedaille.
Aiga Weiß (links) und Simone Briese-Baetke mit Pokal und Goldmedaille. © Foto: nol
Reutlingen / NORBERT LEISTER 07.08.2015
Die Schicksale der beiden Rollstuhlfechterinnen Aiga Weiß und Simone Briese-Baetke gehen zu Herzen. Und dennoch kann jeder Mensch von den beiden Frauen eine Menge für das gesamte Leben lernen.

So unterschiedlich die 18-jährige Aiga Weiß und die 49-jährige Simone Briese-Baetke auch sein mögen: Beide verbindet dennoch viel, zum einen natürlich die Liebe zum Fechtsport - und das, obwohl beide im Rollstuhl sitzen. "Aiga hat einen ganz starken Drang zur Beweglichkeit und einen enorm starken Willen", weiß die Europameisterin. Nebenbei ist Simone Briese-Baetke auch vielfache Weltcupsiegerin, Silbermedaillengewinnerin bei den Paralympics 2012 und noch viel mehr.

Ihre Karriere als Rollstuhlfechterin startete sie als gebürtige Mecklenburgerin in Rostock, von dort ging sie nach Tauberbischofsheim und kam schließlich nach Reutlingen zur TSG - wo sie inklusiv nicht allein Rollstuhlfechter, sondern auch "Fußgänger" trainiert, wie sie es selbst beschreibt.

Aiga Weiß hat eine ganz andere Geschichte, in ihrem 18-jährigen, noch jungen Leben hinter sich: Als Zwillings-Frühchen mit gerade mal 1100 Gramm fiel sie bei der Geburt unerklärlicherweise auf den Boden. Zwei Lungenrisse hatte das winzige Stückchen Leben, lag die ersten vier Wochen im Koma - und schon damals zeigte sich eine der herausragenden Eigenschaften von Aiga: Ihr unbedingter Lebenswille und ihr Ehrgeiz, den Kampf nicht verloren zu geben, wie ihr Vater Steffen Weiß beim Pressetermin erläuterte.

Viel zu früh in die Welt katapultiert, wurde allerdings schnell klar, dass sie sich nicht altersgerecht entwickelte. Sie sprach sehr spät, lernte das Laufen nicht, erhielt viel Förderung wie therapeutisches Reiten und Schwimmen. Allerdings hätten die Ärzte nach Aussage der Eltern betont, dass Aiga nie laufen oder stehen werden könne. Allerdings gab sie nie auf, heute kann sich die junge Frau mithilfe von Vierpunktstöcken zuhause vorwärtsbewegen. Als Vorsitzende des Reutlinger Frühchenvereins hatte Sabine Dörr dem damals 16-jährigen Teenager Aiga den Vorschlag gemacht, doch einfach mal bei einem Rollstuhlfecht-Workshop vorbeizuschauen. Zusammen mit Vater Steffen Weiß - der stellvertretender Vorsitzender des Frühchenvereins ist - fuhren sie zu dem Schnupperkurs. "Wir wollten einfach mal gucken", erinnert sich die 18-Jährige heute.

"Schon kurz darauf habe ich zu meinem Vater gesagt, dass er heimgehen kann." Aiga hatte sofort "Blut geleckt" und innerhalb von wenigen Minuten eine unglaubliche Leidenschaft für den Fechtsport entwickelt. Und ihre Trainerin Simone Briese-Baetke ist begeistert von dem Talent der jungen Nachwuchsfechterin. "Für diesen Sport braucht es sehr hohe Konzentration, Koordination, Feinmotorik, Beweglichkeit, Ausdauer und eine starke Gedächtnisleistung", sagt die 49-Jährige. "Da geht es knallhart zur Sache und alles passiert rasend schnell", zeigt sich Vater Weiß tief beeindruckt.

Simone Briese-Baetke selbst hat mit dem Rollstuhlfechten nicht nur ihre Sportart gefunden, sondern auch einen extrem erfolgreichen Weg zurück ins Leben: Im Alter von 22 Jahren erkrankte sie durch die Geburt ihres Sohnes an Multipler Sklerose und obendrein an Epilepsie. Die schleichende Krankheit MS hinderte sie schon bald an dem Hochleistungssport, den sie bis dahin ausgeübt hatte: Briese-Baetke war Leichtathletin und Läuferin. Die Sorge um ihren Sohn hat sie aus dem "schwarzen Loch und den Depressionen herausgerissen", mit ihren Einschränkungen suchte sie mehrere Jahre nach einer neuen Sportart, probierte Basketball, Schwimmen, Radfahren und fand nach dem ersten Kontakt mit dem Rollstuhlfechten zu ihrer großen Leidenschaft.

Zuvor unterzog sie sich allerdings 1996 einer Hirnoperation, man hatte ihr versprochen, dass die Epilepsie damit behoben werden könnte. "Nach der Operation war ich auch anfallsfrei, dafür aber mein Gedächtnis kaputt - und seitdem habe ich auch noch ein eingeschränktes Gesichtsfeld", berichtet die Sportlerin. Beim Fechten hindert sie der "Tunnelblick" nicht - sonst hätte sie all ihre Erfolge auch nicht erzielen können. "Und ich habe gemerkt, dass dieser Sport meine Gedächtnisleistung verbessert", sagt Briese-Baetke.

Gemeinsam mit Aiga Weiß demonstriert die extrem erfolgreiche Sportlerin, was trotz enormer Einschränkungen im Leben möglich sein kann. Wenn man sich nicht aufgibt. Und wenn man kämpft. "Als Frühchen kämpft man von Beginn an - sonst wäre das Überleben gar nicht möglich", sagt Steffen Weiß. Und in diesem Punkt könne jede und jeder von den beeinträchtigten Mitmenschen jede Menge lernen. Aiga, die in Münsingen auf die KBF-Schule geht, hat mit dem Rollstuhlfechten ihre persönliche Leidenschaft gefunden. "Ich will mal Simones Nachfolgerin werden", hatte sie kürzlich gesagt. Ob es tatsächlich so weit kommt? "Ich bereite sie jetzt erst mal auf die Deutsche Meisterschaft im kommenden Jahr vor", sagt Simone Briese-Baetke.