Reutlingen Von klein auf eine Katz’

Vier Vollblut-Narren (von links): Jasmin Federschmid, Miriam Hagemann, Rose Frank und Marco Steimle.
Vier Vollblut-Narren (von links): Jasmin Federschmid, Miriam Hagemann, Rose Frank und Marco Steimle. © Foto: Kathrin Kammerer
Betzingen / Von Kathrin Kammerer 18.01.2019

Seit zwei Wochen ist Miriam Hagemann eine Katze. Genauer: eine Mühla-Katz’. Jetzt darf die Elfjährige das Häs der Betzinger Narren tragen und bei Umzügen mitlaufen: Oberteil und Hose im dicken Fell-Style, hintendran einen langer Katzenschwanz, dazu einen Bauchriemen mit Glocken. Nur eine Maske hat sie noch nicht. Die bekommen die Mühla-Katza nämlich erst, wenn sie 14 sind.

Seit 1980 gibt es die Betzinger Krautskräga

Mit acht Jahren wollte die kleine Betzingerin in die Narrenzunft eintreten. Weil sie das noch nicht alleine durfte, trat ihre Mama kurzerhand ebenfalls ein. Erst tanzte Hagemann nur in der Garde, nun wollte sie auch ein Häs.

Seit 1980 gibt es die Betzinger Krautskräga, ehemals waren sie ein reiner Karnevalsverein mit Garden und Elferrat. Die Idee zur Gründung entstand auf der Betzinger Leyrenbach-Hockete (es wird gemunkelt: feuchtfröhlich). Seit 1998 gibt es auch eine Narrengruppe. Und was lag da näher, als diese Mühla-Katza zu nennen? Schließlich ist das Vereinsheim in der alten Wernerschen Mühle. In einer solchen Mühle gibt es schließlich viele Mäuse – und viele Mühla-Katza, die diese jagen.

800 bis 900 Euro kostet das Häs

Zugegeben: Die Maske der Mühla-Katz’ sieht etwas grotesker aus, als das Antlitz des lebenden Tieres. Auf Knopfdruck kann Jasmin Federschmid sogar die Augen zum Leuchten bringen. Grün – das versteht sich von selbst. 800 bis 900 Euro kostet das Häs insgesamt. Die 25-Jährige ist eine der Gründungskatzen. Wer zurückrechnet, merkt schnell, dass Federschmid damals erst zarte vier Jahre alt war. So läuft das eben bei den Katza: Fasnetsverrückte Eltern schieben ihren Nachwuchs schon im Kinderwagen über die Umzugsstrecke.

Jasmin Federschmid jedenfalls ist der Narrenzunft all die Jahre treu geblieben. Ihr Engagement ist sogar noch gewachsen. Heute trainiert sie, neben ihrem Katzen-Dasein, die Showtanzgruppe und die Weiße Garde. Wenn das Häs abgestaubt ist, also ab dem 6. Januar, geht der Marathon für die Narren los. „Meistens sind wir auf drei Veranstaltungen pro Wochenende“, sagt Marco Steimle, der stellvertretende Zunftmeister. Freitagabend bis Sonntagnachmittag gehören der Fasnet.

Wird das Hobby da nicht schnell zum Stress? Federschmid, die hauptberuflich als Schreinerin auf der Alb arbeitet, entgegnet sofort: „Ach Quatsch, das macht ja Spaß.“ Bei Steimle, der neun Jahre älter ist, zeigen sich dagegen die ersten Ermüdungserscheinungen, wie er mit einem Schmunzeln zugibt: „Also der Enthusiasmus, drei Tage am Stück feiern zu gehen, der nimmt schon irgendwann ab.“ Steimle ist seit 15 Jahren eine Katz’.

Rose Frank geht nur noch zu den Sonntags-Umzügen mit. Am Samstag muss sie früh aufstehen für den Wochenmarkt – das kollidiert mit den Ausflügen zu Brauchtumsabenden in der ganzen Region. Die 65-Jährige ist seit 1989 in der Narrenzunft und trägt das Einzelkostüm der Müllerin. Es gibt auch einen Müller – den trägt Jasmin Federschmids Vater Günther. Auch die beiden Einzelfiguren sind, wenig sagenumwoben, auf das Vereinsheim in der Mühle zurückzuführen.

Narren mögen keine Drängelei

Durchschnittlich 50 Katza laufen bei den Umzügen mit, 160 gibt es insgesamt. Die Katza werden von der Garde angeführt. Dann kommen Müller und Müllerin, dann die Jungen und am Ende die Erwachsenen. Das mischt sich aber auch schnell mal durch: „Man bleibt ja auch mal stehen, teilt Süßigkeiten oder kleine Brezeln aus“, erklärt Rose Frank.

Was die Narren gar nicht mögen, ist Drängelei: Wenn der Umzug von den Ordnern ruckzuck die Strecke entlang getrieben wird oder wenn man eine ungeduldige Musikkapelle (und dann auch gerne mal ein nervöses Stupsen) im Rücken hat. Kälte dagegen macht den Katza nicht viel aus. Jung-Katz’ Miriam Hagemann erklärt, dass Pulli, Schal und sogar eine Fleece-Jacke unter das Fell-Oberteil passen. Nur wenn es in Strömen regnet, dann hat auch die abgehärtetste Mühla-Katz’ keinen Spaß mehr: „Wenn sich das erst im Regen vollsaugt, dann wird das richtig schwer“, erklärt Jasmin Federschmid.

Ein immer wichtigeres Thema bei den Umzügen ist die Sicherheit auf der Strecke geworden. Früher haben die Mühla-Katza beispielsweise gerne den Zuschauer(innen) die Beine mit Kabelbinder zusammengebunden. „Das machen wir nicht mehr, das ist einfach zu gefährlich, wenn beispielsweise jemand das Gleichgewicht verliert“, sagt Marco Steimle. Auch mit Farbe sei man vorsichtiger geworden: „Da gilt: Nur noch aufs Gesicht.“

Preistanzen in Unterhausen

Am heutigen Freitag tanzen die Betzinger Garden und die Showtanzgruppe beim Preistanzen in Unterhausen. In den Regalen im Vereinsheim stehen dutzende Pokale, die auf solchen Turnieren ertanzt wurden – „aber das sind noch lange nicht alle“, sagt Federschmid. Am Samstag stehen zwei Umzüge auf dem Programm: einer mittags, einer abends. Am Sonntag sind die Krautskräga dann in Muggensturm bei Karlsruhe. Ja, die Fasnet führt die Betzinger sogar bis in die Schweiz und ins Elsass. Am meisten freut sich Miriam Hagemann auf das Wochenende: Dann darf sie endlich ihren ersten Umzug als frisch getaufte Katz’ laufen.

Info: Wer Interesse an der Narrengruppe oder am Tanzen hat, kann sich unter kontakt@krautskraega.de melden.

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Wieso die Narrenzunft „Krautskräga“ heißt

Der Name „Krautskräga“ beruht auf einer Sage aus dem 13. Jahrhundert. 1247 belagerte der als „Pfaffenkönig“ verspottete Heinrich Raspe Reutlingen. Die Stadt war durch starke Stadtmauern geschützt, sodass das angreifende Heer sie nicht einnehmen konnte. Die Belagerung dauerte mehrere Wochen, um die Einwohner auszuhungern. Damit die Nachbarstadt die schwierige Lage überstehen konnte, beschlossen die Betzinger, den Reutlingern mit Essen zu helfen. Damals wurde in Betzingen, in den Auwiesen, viel Kraut angebaut. Die Betzinger Räteschaft war aber von Haus aus geizig. Deshalb einigte sich der Rat, dass das Kraut verkauft und der Strunk – auch Krautskraga (unterer Teil des Krauts) genannt – heimlich nachts über die Stadtmauer geworfen wird. Auf diese Weise retteten die Betzinger die Reutlinger vor dem Hungertod – und hatten damit einen neuen Spitznamen. kam

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