Reutlingen / JÜRGEN SPIESS  Uhr
Peter Rist, eben noch Finanzbürgermeister in Reutlingen, verdient sein Geld jetzt mit Schlagermusik. Mit Freunden trat er im Naturtheater auf. 330 Besucher schunkelten vier Stunden lang mit.

Zünftig ist überhaupt das Wort des Abends. Zünftig sind die schicken Lederhosen und das weiße Trachtenhemd, das der barfüßige Peter Rist im zweiten Teil der Show trägt.

Zünftig sind die Lieder, die die Volks- und Schlager-Interpreten singen. Zünftig gibt sich aber auch das Publikum selbst, das sich fast durchgehend mittels Klatschen, Mitsingen und „Juchhe“-Rufen am Geschehen beteiligt. Denn nicht nur der vor einem Monat ins Allgäu abgewanderte Finanzbürgermeister wird an diesem lauen Freitagabend gefeiert, als gäb‘s kein Morgen mehr. Auch die Wiener Schlagersängerin Simone, die gebürtige Rumänin Mara Kayser und das witzige Bodensee Quintett machen es dem Publikum leicht, sich wie im siebten Schlagerhimmel zu fühlen.

Der Beifall rappelt sich vor allem bei bekannten Melodien wie „Solange wir lieben“ von G. G. Anderson (Simone), „Rosie Polka“ (Bodensee Quintett), „Über sieben Brücken musst du gehn“ (Mara Kayser) und „Die kleine Kneipe“ (Peter Rist) zu ordentlichen Jubelorkanen auf.

Das beginnt schon mit Simone Stelzer, die 1990 Österreich beim Eurovision Song Contest vertrat und sich ganz im Spektrum der Erwartungen präsentiert. Gleich zum Einstieg singt sie ihr bekanntestes Lied „1000 mal geträumt“ und hat damit das Publikum sofort auf ihrer Seite. Simones sanfte Stimme liefert weitgehend das Erforderliche, den Rest erledigen ihre Ausflüge durch die Zuschauerreihen und ihr Wiener Charme („Ich habe mich schonmal wegen eures süßen Dialekts in einen Schwaben verliebt“). Selbst der kleine Lapsus nach der Pause, als Simones Stimme bereits zur Playback-Musik ertönt, ohne dass sie auf der Bühne steht, erzeugt kaum Irritationen beim Publikum.

Auch beim Auftritt von Mara Kayser wird die Welt der Musik so zurecht gemacht, wie sie zu der gebürtigen Rumänin passt. Und zu ihrem Publikum. Das freut sich über Titel wie „Nimm mich einfach in deine Arme“, bewundert den Mut zweier männlicher Besucher, die mit der Sängerin einen Foxtrott auf der Bühne hinlegen, und gerät vollends aus dem Häuschen, als Mara Kayser und Peter Rist gemeinsam „Du bist meine Wirklichkeit“ ins Mikrofon schmachten. Wobei hier deutlich wird, dass dem als „Stimme des Allgäus“ angekündigten Peter Rist im Gegensatz zu Schlagerprofi Mara Kayser doch noch so Manches an Routine und Klasse fehlt.

Aber das kann sich noch entwickeln. Während der Diplom-Verwaltungswirt die Moderation im Stile eines geübten Lokalpolitikers absolviert, hapert es – zumindest vor der Pause – noch etwas an der Intonation. Vor allem die hohen Töne erreicht er nur mit gepresster Stimme und sichtlicher Anstrengung.

Doch im Laufe des Abends wird er sicherer und bewegt sich zunehmend als lässiger Crooner auf der Achterbahn der Gefühle. Besonders herzerweichend: „Was kostet die Welt“ vom Debütalbum „Willkommen im Leben! Unendlich frei“ und das Peter-Alexander-Medley mit Titeln wie „Der letzte Walzer mit dir“.

Mit Abstand am meisten Musikantenstadl-Glamour verbreitet allerdings das Bodensee Quintett. Die fünf Herren machen stimmungsvolle bayrische Volksmusi, durchsetzt mit flotten Polka-Versatzstücken. Hier wird nicht Playback, sondern mit echten Instrumenten gespielt. Mit Gitarre, Akkordeon, Flügelhorn, Klarinette und Baritonhorn begibt sich das Quintett in die Untiefen bajuwarischer Haus- und Heimatmusik. Auch sonst gibt es viel zu lachen, vor allem, weil Gitarrist Uwe Fischer jedes Stück mit einem passenden Witz einführt. Die alten Bräuche sind hier in beste Gesellschaft geraten, und das macht – lässt man sich erst einmal darauf ein – einen Heidenspaß.

Das Publikum? Freut sich über Komplimente wie „Da ist sowas wie Magie an diesem Ort“ (Mara Kayser), über gut aufgelegte Interpreten und Ex-Finanzbürgermeister Peter, der jetzt nicht mehr über trockene Zahlen eines Schuldenhaushalts redet, sondern über pathetische Gefühle singt.