Reutlingen Vom Geist der Befreiung

Musik, Literatur und bildende Kunst sind am bunten Abend der Volkshochschule kombiniert worden, der sich rund um das Gründungsjahr 1918 gedreht hat.
Musik, Literatur und bildende Kunst sind am bunten Abend der Volkshochschule kombiniert worden, der sich rund um das Gründungsjahr 1918 gedreht hat. © Foto: Marinko Belanov
Von Susanne Eckstein 24.04.2018

An sich eine reizvolle Idee: zum 100-jährigen VHS-Jubiläum die Zeit um die Gründung des damaligen Reutlinger Volksbildungsvereins musikalisch lebendig werden zu lassen. Das Jahr 1918 selbst dürfte allerdings wenig Attraktives hergeben; Kriegsende, Trauer, Not, Revolution – die Volksbildung in Reutlingen nahm damals der Unternehmer Gminder in die Hand. Wahrscheinlich lockte an diesem Samstag 2018 auch der laue Frühlingsabend viele ins Freie, das Publikum im VHS-Foyer war überschaubar.

Stets Neues entwickeln

Die Mitwirkenden und VHS-Abteilungsleiter Thomas Becker als Moderator zogen einen weiten Radius um das Gründungsjahr herum, indem sie Musikwerke, Literatur und Werke der bildenden Kunst kombinierten, die eines gemeinsam haben: Sie brechen mit dem Hergebrachten, suchen und entwickeln Neues.

Das Programm reichte von einem noch relativ traditionellen „polnischen Tanz“ von Severn über Werke oder  Werk-Auszüge von Liebermann, Klimt, Hofmannsthal, Prokofjew, Debussy, Kandinsky, Tzara, Ball, Lutoslawski, Matisse, Kirchner über einen Brecht-Schwerpunkt im zweiten Teil und Schlemmers „Triadisches Ballett“ bis zu einem Duo für Klarinette und Schlagzeug von Dietrich Erdmann aus dem Jahr 1975.

Die zahlreichen Nummern wurden bunt aneinandergereiht, Musik, Bilder (etwas schwach auf der Leinwand), gelesene Auszüge und kurze Abrisse, mehr oder weniger eng verflochten durch Thomas Beckers Moderation. Er hatte zwar hie und da Probleme mit der Computertechnik und wirkte in der Vortragsweise etwas akademisch, doch kam sein großes kunstgeschichtliches Wissen zum Tragen, mit dem er auf Umbrüche und Neuerungen in den vorgeführten Bildbeispielen aufmerksam machte.

Unterschiedliche Stile

Als Musizierende traten Lehrkräfte und Schüler der Musikschule Reutlingen auf das Viereck im Foyer. So konnte man nicht nur verschiedene Stile, sondern auch unterschiedliche Herangehensweisen an die nach wie vor „neue“ Musik erleben: Mira Uhde mit Severns „Polish Dance“ sauber und beschwingt auf der Violine, Erika Geringer-Nilius mit Prokofjews „Vision Fugitives“ so sensibel wie kantig am Flügel, Benedikt Hinger traumhaft klangschön mit Debussys „Rêverie“ am Vibraphon. Für eine sichere Begleitung der Stücke mit Klavier sorgte Gerlinde Martin.

Der jüngste Interpret war Jonas Wolff, er wagte sich an die 1954 komponierten „Dance Preludes“ für Klarinette von Witold Lutoslawski. Seine Lehrerin Elisabeth Willmann interpretierte gemeinsam mit Benedikt Hinger sehr differenziert und ausdrucksvoll Dietrich Erdmanns Duo für Klarinette und Schlagzeug von 1975, das den Abschluss bildete.

Am meisten beeindruckte der Querschnitt aus der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill in Form von vier Songs, gekonnt dargeboten von der Sängerin und Schauspielerin Asita Djavadi, Fachbereichsleiterin Gesang an der Reutlinger Musikschule. Ihr gelang es, mit ihrer zwischen rau, hart und weich wechselnden Stimme einen Eindruck von dem revolutionären Geist der Befreiung zu vermitteln, der gerade die Brecht-Weill-Songs auszeichnet, ob nun in sexueller oder politischer Hinsicht, angemessen doppelbödig und scharfzüngig umgesetzt. Dazu gehört Wissen, Können und Gestaltungskraft – und Lust auf Neues.

100

Jahre wird die Volkshochschule Reutlingen. In einer besonderen Veranstaltung wurde an die Gründung des damaligen Reutlinger Volksbildungsvereins erinnert.

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