Reutlingen Vom Fruchtkasten zum Kunstmuseum

Reutlingen / swp 02.08.2018

Die in Stein gemeißelte Jahreszahl „1518“ ermöglicht es, die Erbauung des Spendhauses zu datieren. Dank der zur Lederstraße hin angebrachten Inschrift wissen wir, dass das stattliche Fachwerkgebäude des heutigen Reutlinger Kunstmuseums sich seit einem halben Jahrtausend am Rand der historischen Altstadt erhebt. Das Stadtarchiv präsentiert aus diesem Anlass in einer kleinen Wandvitrinenausstellung ausgewählte Dokumente zur facettenreichen Geschichte einer stadtbildprägenden Baulichkeit.

So wurde das Spendhaus etwa in einem Verwaltungsbericht für die Jahre 1945 bis 1965 als ein „Haus der Kultur“ gewürdigt: In den unteren Geschossen waren die Vorläufer der heutigen Stadtbibliothek untergebracht. Darüber öffnete an bis zu drei Tagen in der Woche das Naturkundemuseum seine Pforten. Unterm Dach wiederum war mehr oder weniger ausreichend Platz geschaffen worden, um kleinere Kunstausstellungen in rascher Abfolge zu zeigen. Diese „Komprimiertheit“ kommunaler Bildungsangebote sollte sich erst ab Mitte der 1980er Jahre durch entsprechende Umzüge und Neubauten „entflechten“.

Von 1858 bis 1891 hatte das Spendhaus die Reutlinger Webschule beherbergt. Hier machte man junge Männer mit den Grundzügen industrieller Textilproduktion vertraut. Die mechanischen Webstühle im Erdgeschoss wurden dabei von einer Dampfmaschine angetrieben. Deren schlanker Metallkamin hat die hochaufragende Westfassade des Gebäudes nochmals deutlich überragt. Die Schule verzeichnete eine solchen Zulauf, dass schließlich an der Kaiserstraße ein entsprechender Neubau errichtet wurde: Es entstand das „Technikum für Textilindustrie“.

In den ersten drei Jahrhunderten seines Bestehens war das Spendhaus primär der Fruchtkasten der Reutlinger Spendenpflege gewesen. Bei Letzterer handelte es sich um eine von zahlreichen mittelalterlichen Stiftungen. Über diese wurden quasi städtische Liegenschaften verwaltet und bewirtschaftet. Das wiederum waren im Fall der Spendenpflege nicht zuletzt Höfe etwa in Kirchentellinsfurth, Kusterdingen oder Wankheim. Von dem was hier insbesondere an Feldfrüchten erzeugt wurde, hatten die Hofbesitzer einen bestimmten Anteil an die „Pflege“ abzugeben.

Konkret bedeutete dies unter anderem ausgedroschenes Korn zur Lagerung ins Spendhaus zu führen. In der Ausstellung des Stadtarchivs wird unter anderem ein pergamentener und besiegelter „Bestandbrief“ von 1538 gezeigt, in dem sich einer dieser Hofinhaber verpflichtet, seine Abgaben in den Reutlinger Fruchtkasten abzuliefern. In der Urkunde liest sich das so: „Ich Michel Ott von Custertingen soll und will auch jerlichs den Spenden ir Dritthail der Kornfruchten gen Reutlingen in iren Casten fueren“.

Sowohl diese Abgaben als auch Einnahmen aus Kapitalbesitz ermöglichten es der Spendenpflege, ihrem eigentlichen Stiftungszweck nachzukommen: nämlich die Bedürftigen der Stadt mit – nomen est omen – „Spenden“ zu unterstützen. In einem ebenfalls ausgestellten Rechnungsband von 1797/98 ist diese ‚Sozialleistung‘ in Form von Geld und Naturalien folgendermaßen beschrieben: „Zu Wißen! Daß alle Sonn und Feier Tage einem jeden mit einem obrigkeitlichen Dekret sich legitimirenden Armen sechs Kreuzer drei Heller an Geldt und vor ein Kreuzer Brod zu einem Allmosen abgereicht werden.“

Dass die fachgemäße Lagerung der Feldfrüchte im Spendhaus dabei durchaus einen gewissen Aufwand mit sich brachte, verdeutlicht ein Ausgabeposten in einem weiteren Rechnungsband. Demnach hatten sich in den Jahren 1744 und 1745 der für das Backen der entsprechenden Brote zuständige „Spendenbäcker“ Pfäfflin sowie ein Friedrich Eisenlohr rund einen Gulden dazu verdient: Sie hatten dabei vor allem „die Früchte, damit solche nicht anlaufen möchten“ zweimal zu „stürzen“, also umzuwenden. Außerdem trugen „dieselben 40 Scheffel Frucht vom 3ten auf den 2ten Boden des Spendhauses.“

In der Archivalienschau sind neben den genannten Schriftstücken auch historische Fotografien zu sehen. Hierzu zählt etwa eine Aufnahme der 1952 eröffneten „Kinder-Freihandbücherei“ im ersten Stock des Gebäudes. Ausgestellt ist auch ein Gemeinderatsprotokollband von 1987. Am 9. April jenes Jahres hatte das Gremium nach längerer Diskussion kurz und bündig den Beschluss gefasst: „Das Spendhaus wird nach den Plänen des Hochbauamts zum Kunsthaus umgebaut.“ Die Wandvitrinenausstellung ist während der Öffnungszeiten der Rathaus-Eingangshalle bis Ende September zu sehen.

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