Reutlingen / Ralph Bausinger  Uhr

Sie wollen an der florierenden Wirtschaftsentwicklung teilhaben  – die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Unter dem Motto „Wir sind es wert!“ fordert die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi), dass die Löhne und Gehälter um sechs Prozent, aber mindestens um 200 Euro monatlich erhöht werden. Die Entgelte der Auszubildenden und Praktikanten sollen um 100 Euro im Monat steigen.

„Wir haben beste Voraussetzungen bei den Steuereinnahmen. Die Wirtschaft spricht von goldenen Zeiten.“ So lagen im vergangenen Jahr die Mehreinnahmen von Bund, Ländern und Kommunen bei fast 39 Milliarden Euro, in diesem Jahr werde ein Überschuss von 45 Milliarden Euro erwartet, sagte Benjamin Stein. Und die Prognosen sagen weitere Zuwächse voraus. „Wir haben einen erheblichen Nachholbedarf bei Löhnen und Gehältern“, betonte der Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Fils-Neckar-Alb. So liege die Differenz von öffentlichem Dienst zur Privatwirtschaft inzwischen bei 27 Prozent. Steigende Löhne stärkten nicht nur die Binnennachfrage, sondern verhinderten auch Altersarmut. Auch sei Deutschland, was den prozentualen Anteil der Ausgaben für den öffentlichen Dienst angehe, „Schlusslicht in Europa“.

Laut Stein sind in den fünf Landkreisen Esslingen, Göppingen, Tübingen, Reutlingen und Zollernalb rund 85 000 Beschäftigte von den Tarifverhandlungen betroffen, allein im Kreis Reutlingen dürften es 9500 sein. Neben den Beschäftigten bei Kreis, Städten und Gemeinden zählen dazu die Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen, der Agentur für Arbeit, der Jobcenter, der Deutschen Rentenversicherung und hier ansässige Beamte des Bundes.

Zudem seien, so der Verdi-Bezirksgeschäftsführer, Arbeitsplätze bei Ländern und Kommunen nicht sicherer als in der Privatwirtschaft. Bei über der Hälfte der Jobs handle es sich um Teilzeitstellen, fast 60 Prozent seien außerdem befristet. Und auch die Übernahmequote liegt laut Stein niedriger als in der Privatwirtschaft. Mit Blick auf den Fachkräftemangel in Erziehungs- und Pflegeberufen sei es daher unabdingbar, dass diese Berufsfelder an Attraktivität gewinnen.

Die Aussage der kommunalen Arbeitgeber, dass eine Lohnerhöhung um 200 Euro im Monat „unrealistisch und überzogen“ sei, wies Gewerkschaftssekretärin Ayge Özgun als „skandalös“ zurück. Davon würden Gruppen wie Erzieherinnnen, Pflegekräfte oder auch Müllwerker profitieren. Weiter forderte die Dienstleistungsgewerkschaft eine unbefristete Übernahme nach der Ausbildung und eine Fortführung der Altersteilzeitregelung.

Was die Beschäftigten in Krankenhäusern und in der Pflege betrifft, soll der Nachtarbeitszuschlag von 15 auf 20 Prozent steigen und der Samstagszuschlag „im besonderen Teil Krankenhäuser“ auf 20 Prozent angehoben werden. Der Zusatzurlaub für Wechselschichtarbeit – hier durchlaufen die Mitarbeiter alle drei Schichten innerhalb von vier Wochen – soll von vier auf sechs Tage jährlich steigen, sagte Gewerkschaftssekretärin Madeleine Glaser. „Das würde uns etwas Luft verschaffen“, sagt Silvia Bausinger, Intensivpflegekraft am Zollernalb Klinikum Balingen. Die durchschnittliche Verweildauer einer ausgelernten Pflegekraft betrage gerade einmal dreieinhalb Jahre.

Für Dirk Fauser, Personalratsvorsitzender der Kreissparkasse Reutlingen, ist die Sechs-Prozent-Forderung „absolut notwendig“, um qualifizierten Nachwuchs zu finden. Das Berufsbild des Bankkaufmanns habe an Attraktivität verloren, die Zahl der Bewerbungen sei um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen.

Erzieherin Stefanie Butscher ist  in der Schulkindbetreuung der Stadt Tübingen tätig. 90 Prozent der in diesem Bereich Beschäftigten arbeiteten in Teilzeit und bräuchten „Nebenjobs, um sich über Wasser zu halten“. Ohne eine bessere Bezahlung werde es nicht gelingen, den Job attraktiverer zu machen, so Butscher.

Heute endet die Friedenspflicht, und Verdi hat zu Warnstreiks aufgerufen. „Wir wollen Ergebnisse. Wir wollen keine langen Auseinandersetzungen“, versichert Stein. Der Ball liege aber jetzt bei den Arbeitgebern, bei Noch-Innenminister Thomas de Maizière und Dr. Thomas Böhle vom Verband kommunaler Arbeitgeber.

Tarifverhandlungen: Wie geht’ jetzt weiter?

Immer „Fünf vor Zwölf“ ruft Verdi zu befristeten Warnstreiks auf. Auftakt ist heute vor dem Rathaus in Albstadt, es folgen weitere Aktionen in Esslingen (6. März), auf dem Tübinger Holzmarkt (7. März) und auf dem Reutlinger Marktplatz (8. März).

Sollte es in der zweiten Verhandlungsrunde am 12. und 13. März keine spürbaren Fortschritte geben, sind im Anschluss ganztätige Warnstreiks geplant. Dabei ist vorgesehen, einen Schwerpunkt auf die Jugend und deren Anliegen zu legen. So ist in Mannheim ein landesweiter Jugendstreiktag geplant.

Eine dritte Verhandlungsrunde ist auf den 15./16. April terminiert. rab