Theater Völlig von der Rolle

„Die Zofen“: Sie lieben und sie hassen sich und versuchen sogar, sich zu killen.
„Die Zofen“: Sie lieben und sie hassen sich und versuchen sogar, sich zu killen. © Foto: Alexander Gonschior
Tübingen / Kathrin Kipp 13.02.2018

In „Die Zofen“ von Jean Genet (UA 1947) wird nicht nur schwesterlich geliebt, gehasst, geneidet und versucht, besonders schön und mit einem zarten Hauch von Erotik zu killen, sondern auch exzessiv Theater gespielt und zwar auf allen Ebenen. Vom Setting her eigentlich ein Fall für die brave Miss Marple: Zwei biedere Dienstbotinnen wollen die gnädige Frau ermorden. Von der Dramaturgie her ein bitterböses, hinterlistiges Vexierspiel, bei dem man am Ende gar nicht mehr weiß, wer wem was vorspielt, wer wen ermordet, wer Gut und Böse ist. Genet spielt dabei nicht nur das ganze Panoptikum einer schwesterlichen Hassliebe durch, sondern auch die vielen Facetten einer hierarchischen Beziehung: Liebe, Tod, Hass, Erotik, Macht und Gewalt – alles im Preis inbegriffen.

Lustvolle Mordphantasien

Das symbiotische Trio geht sich gegenseitig gehörig auf die Nerven. Da liegt es nahe, dass man sich in lustvolle Mordphantasien flüchtet, diese aber auch konkret durchspielt, einerseits als seelisches Ventil, andererseits, um den geplanten Mord zu perfektionieren. Und so schlüpft Claire bei Abwesenheit der Herrin in deren prachtvolle Kleider, spielt erst die böse Herrschaft und lässt sich dann von Solange genüsslich erwürgen. Im Zimmertheater unter der Regie von Robert Arnold und im Bühnenbild von Jörg Zysik ist es Nicole Schneider, die sich als Claire in der Rolle der Gnädigen Frau auf einem puffig roten Latexbett räkelt und sehr theatralisch bis grotesk die Hausherrin als eitles, selbstmitleidiges und gehässiges Monster spielt. Und wenn hinter den transparenten Wänden im Schattenspiel die Gewänder getauscht werden, werden die Zuschauer zu den voyeuristischen Nachbarn. In ihren Rollen zwischen Macht und Unterwerfung können die beiden vertrockneten Jungfern endlich so etwas Erotik entwickeln. Dabei hantieren Nicole Schneider und Eva Maria Keller als unterwürfige Solange mit Spiegel, Schminke, Pelz, rotem Samt, Seide, Gifttasse und arrangieren sich zu immer neuen Körperstellungen. Nicht nur, um den Habitus von Herrschaft und Abschaum lustvoll zu imitieren, sondern auch, um die wortlastige Dialogpause ansprechend zu bebildern. Üppige Farben und Sehnsüchte, Lust und Verbrechen, Schönheit und Scheitern liegen hier eng beieinander. Eva Maria Kellers Solange trippelt als Claire servil durch die engen Räume, während sie mit Nicole Schneiders Claire als Hausherrin nicht nur die Herrschaftsbeziehung, sondern auch ihre schwesterlichen Eifersüchteleien und Vorwürfe durchspielt und widerspiegelt. Beiden fehlt allerdings letztendlich der Mut oder die Konsequenz zum tatsächlichen Mord. Und so hätten sie ihr Spiel wohl immer weiter treiben müssen, würde nicht die Herrin persönlich auftauchen: Kim Bormann mit einem Riesen-Auftritt als selbstherrliches Model á la „eure Armut kotzt mich an“. Eine scheinheilige affektierte Lady, die plötzlich das Lustvolle an ihrer Märtyrerrolle entdeckt, als Opfer der Intrige, die sie vermutlich schon längst durchschaut hat. Jedenfalls spielen die Schauspielerinnen ihre permanenten Rollen- und Stimmungswechsel so exzellent, dass man als Zuschauer schon bald nicht mehr weiß, für wen man jetzt Partei ergreifen soll. Die beiden Zofen wissen sich nämlich auch ohne Mords-Glück an der Herrschaft zu rächen, indem sie sie mit ihrer Fürsorglichkeit und immer mehr Friedhofsblumen im Schlafzimmer in den Wahnsinn treiben. Während es mit dem Erwürgen der Chefin nicht klappt, zieht sich die Schlinge um die beiden Zofen immer weiter zu. Und so versuchen sie es mit vergiftetem Lindenblütentee. Aber wie das so ist im Krimi: Man weiß nie, wer das Gift trinken wird.

Info Die Zofen werden wieder aufgeführt am 28. Februar und 1. März.