Tübingen Viel Walzer um Nichts

Im Sommertheater auf dem Österberg wird „Die Fledermaus“ gespielt.
Im Sommertheater auf dem Österberg wird „Die Fledermaus“ gespielt. © Foto: Privat
Tübingen / Kathrin Kipp 17.07.2018
Das Zimmertheater singt mit Strauß' Operette „Die Fledermaus“ einen lauschigen Sommer-Schwank auf den sinnfreien Rausch.

Diese Spielzeit lustwandelt das Publikum zum Tübinger Sommertheater unter den Funkturm auf dem Österberg, wo das Zimmertheater mit einer theatral gesungenen Version der „Fledermaus“-Operette eine luftige Champagner-Sause feiert. Inklusive Kater. In einer Version für zehn Schauspieler und drei Musiker, die an Klavier, Cello und Violine unter der Leitung von Christoph Ewers für die zahlreichen Hits der Operette beschwingte Schwerstarbeit leisten. Die Nummern werden von den Schauspielern eher ungekünstelt und trocken gesungen, was unter der Regie von Axel Krauße vor allem im Kollektiv zu den stärksten Szenen führt. Auf keinen Fall will sich der Zimmertheater-Chef mit einer albern opulenten Old-School-Operette vom Publikum verabschieden, weshalb man das komödiantische Singspiel eher theatralisch, ironisch und ein wenig verfremdet präsentiert.

Eine Fledermaus-Sause

Und so schmückt man die Fledermaus-Sause auf der karg ausgestatteten Bühne mit aparten Choreographien, unkonventionellem Stellungsspiel, vertrackten Moves und ironischen Tanzeinlagen. Aber so ganz lässt sich das Boulevardeske auch nicht wegironisieren. Und so sieht das Publikum eine Mischung aus Singspiel, Naturtheater, Satire, Slapstick-Comedy und Operetten-Parodie.

Vorgeführt wird eine gelangweilte Provinzgesellschaft, deren Selbsterhaltungsmaßnahme darin besteht, sich in verschiedenen Identitäten auszuprobieren, sich gegenseitig etwas vorzuspielen, zu provozieren und zu entlarven. Maskerade, Rollenspiel und Karneval, bei dem die gängigen Herrschaftsstrukturen auch mal auf den Kopf gestellt werden, wenn sich eine Haushaltshilfe als Schauspielsternchen inszenieren kann. Das geht nicht ohne Katalysator, und so wird gesungen und gesoffen, als gäbe es kein Morgen. „Wir alle spielen Komödie“ - nicht die schlechteste Beschäftigung für eine satte, visionslose Gesellschaft.

Bei der Premiere turtelte sogar ein zufällig anwesendes Schmetterlingspärchen mächtig herum, und so geht’s auf den vielen Treppen der Turmbühne in Sachen Flirt und Maskerade drunter und drüber. Dem entspricht auch das teilweise doppelbödige Schauspiel des Ensembles, das den mehr oder weniger komischen Momenten der Operette frönen, sie gleichzeitig parodisieren und auch noch den kleinen menschlichen Dramen gerecht werden muss – eine Gratwanderung.

Auch für Joana Tscheinig als Rosalinde ist der Alltag eine Gratwanderung - zwischen Treue und Amüsement. Als ihr ebenfalls nicht ganz sündenfreier Gatte Gabriel allerdings vorübergehend ins Kittchen muss, hat sie freie Bahn für Lover Alfred: Toni Gojanovic flattert als schmieriger Italiener aus St. Pölten um den Turm herum und singt sein Täubchenlied, muss sich dann aber fälschlicherweise in den Knast abführen lassen und verpasst so die dekadente Orgie bei Fürst Orlofsky: Viola Neumann singt den androgynen, aber auch reichlich gelangweilten und abgefuckten Prinzen sehr klangvoll. „Ich lade gern mir Gäste ein“, die dann auf den hübschen Plexiglasbarockstühlen herumhängen (Bühne: Odilia Baldszun) und sich mit dem Champagner(lied) um den Restverstand bringen. Ähnlich frustriert scheint der schneidige Dr. Falke (Paul Schaeffer) zu sein, der einst im titelgebenden Fledermauskostüm von Gabriel von Eisenstein übelst vorgeführt wurde, der die ganze Show nun als Racheakt zur Belustigung aller verkauft, aber trotz aller gespielten Souveränität manchmal recht traurig dreinschaut. Robert Arnold wiederum als hemdsärmliger Pascha und eingebildeter Gigolo Eisenstein singt seine Parts recht bodenständig. Auch er schwingt das ein oder andere Mal ironisch das Tanzbein, als Anspielung auf die gestrichenen Ballettpassagen. Die originell choreographierten Massenszenen sind dann auch wirklich was fürs Auge und Ohr. Frank Siebenschuh als Gefängnisdirektor wiederum laviert sich als aufgeblasener „Chevalier“ durch sämtliche Blamage-Fallen der Schampus-Orgie und fällt vor allem durch seine Gelenkigkeit auf - irgendwas zwischen Elvis und Helge Schneider. Hier ist eben „alles Walzer“. Und Rock‘n‘Roll. Axel Krauße selbst taucht als dauerbesoffener Gefängniswärter Frosch auf, mit dem Dauergag, wie fidel es doch im Gefängnis zugehe, während Agnes Decker für echtes Entertainment sorgt, mit ihrem vielschichtigen Spiel als Zofe im Fuckjugöhte-Tussi-Outfit. Am Ende steht man wieder am Anfang. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“.

Das Tübinger Sommertheater

Weitere Termine sind der  19., 20., 21., 22., 24., 25., 26., 27., 28. und 31. Juli, sowie 1., 2., 3., 4. und 5. August, Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Dauer 2,45 Stunden, inklusive Pause. Platz beim Turm auf dem Österburg, Stauffenbergstraße. Zum Turm führt ein Weg/Treppe von der Stauffenbergstraße. Für Gehbehinderte gibt es einen Shuttlebus ab der Haltestelle Doblerstraße. Wenig Parkmöglichkeiten, deshalb: Buslinie 10, Ausstieg Kleiststraße. Gespielt wird bei fast jedem Wetter. Karten und Info unter Telefon (0 70 71) 92 730. Keine Ausweichtermine.

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