OPER Viel Beifall für Wallander-Oper

Tübingen / OTTO PAUL BURKHARDT 18.07.2016
Gewaltig. Mit großen Momenten und eingängiger Musik: Die Uraufführung der Wallander-Oper „W – The Truth Beyond“ war trotz Längen ein Erlebnis.

Ein universitäres Großprojekt, ganz gewiss. Und Hand aufs Herz: Musiktheater, noch dazu als Uraufführung – in einer Stadt ohne Opernhaus und Profi-Orchester, das ist schon etwas Besonderes. Dass das Projekt noch das Plazet des jüngst verstorbenen schwedischen Krimiautors Henning Mankell erhalten hatte, steigerte das öffentliche Interesse natürlich (siehe Kurzkritik im Feuilleton).

Hinzu kommt, dass die Drei-Stunden-Oper auch in Ystad aufgeführt wird – dort, wo die Wallander-Krimis spielen. Vollends erschöpfend, im Doppelsinn des Worts, war auch der Hype um diese Uraufführung. Die intensive mediale Vorarbeit, die den Mörder bis zuletzt geheim hielt, wurde denn auch mit einem Journalisten-Preis ausgezeichnet.

Wie war sie also – die Wallander-Oper „W – The Truth Beyond“ – „Die Wahrheit dahinter“? Als Prolog hatte sich das Team etwas Spezielles ausgedacht: ein Zitat, eine Hommage an die Gattung Oper. Wir hören aus dem Off einen der größten Puccini-Hits „E lucevan le stelle“ aus „Tosca“ – Domingo, Pavarotti, Alagna, alle haben die Arie des Cavaradossi gesungen, in der von verflossenen Liebesträumen und tiefer Verzweiflung die Rede ist. Wir sehen auf Video schemenhaft den Wallander-Darsteller – beim Kaffeekochen. Krimifans wissen: Mankells am Ende dement werdender Kommissar Kurt Wallander vergisst auch schon mal das Filterpapier und hat eine Vorliebe für Oper, für alte Aufnahmen, für die Callas und so fort. Im Video pfeift irgendwann der Wasserkessel, und die Platte mit der Arie über die „leuchtenden Sterne“, sie bleibt irgendwann in einer Rille hängen, tritt auf der Stelle, eiert immer dasselbe Motiv. Ein vieldeutiger Einstieg.

Jetzt erst beginnt die Oper, komponiert von dem Schweden Fredrik Sixten, der sich bislang eher als Kirchenmusiker einen Namen gemacht hat. Düster dräuend grummelt es in der Tuba und den Kontrabässen, begleitet von dumpf pochenden Trommelschlägen. Langsam wandert ein Halbtonmotiv aus den tiefen Posaunen und Fagotten nach oben, verdichtet sich mit anschwellenden „Ah“-Chören zu einem ersten Monster-Cluster im Fortissimo – ein Klangsymbol für den Titel der Oper, für die langsam aus den Tiefen der Seele zu Tage geförderte Wahrheit.

Womit wir bei Fredrik Sixtens Tonsprache wären. Sie lässt sich, je nach Standpunkt des Hörers, als polystilistisch, aber auch als eklektisch beschreiben. Wagnersche Leitmotive, Puccini-Melos, Strawinsky-Rhythmik, Tango, Weill-Idiom, Webberscher Musical-Ton, Bernsteins Elan – all das taucht auf und verschwindet wieder. Genauso aber auch Elemente des französischen Impressionismus, Poulencsche Chorharmonik und skandinavische Volksmusik. Kurzum, Sixten schreibt eine Musik, deren Neuigkeitswert mehr in der Kombination verschiedener Elemente besteht als in der Erfindung grundsätzlich neuer Klänge. Seine Musik gibt sich bekennend tonal grundiert, ignoriert die atonalen oder seriellen Dogmen der Avantgarde deutlich. Fällt aber auch zurück hinter die moderat Modernen wie Trojahn oder Glanert. Wie immer man das nennen mag: postmodern, vielleicht auch neoromantisch.

Und eins gleich vorweg: Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung, Impulsgeber, Motor und Leiter des Gesamtprojekts, überzeugt am Pult der Württembergische Philharmonie Reutlingen durchweg. Beklemmend: die alptraumhaft sich auftürmenden Klangballungen. Delikat: die kammermusikalische Raffinesse in den Solopartien von Klarinette, Fagott, Englischhorn und mehr. Mitreißend: die Tanzrhythmen. Berührend: der melodische Schmelz.

So ganz neu ist das Genre der Kriminaloper außerdem nicht. Daher liegt auch der Verweis am Beginn auf Puccinis „Tosca“ nahe, wo ein Polizeichef zum Mörder wird. Das komplexe, mit Rückblenden arbeitende Libretto von Klas Abrahamsson erzählt einerseits einen weiteren Wallander-Krimi und greift auch mit der unterstellten Demenz der Kommissar-Figur ein Motiv aus den Mankell-Originalen auf.

Andrerseits richtet es vor dem großen Horizont dieser Plots, die ja „Romane über die europäische Unruhe“ sein wollen, den Fokus stark auf das Thema Transsexualität. Denn der 15 Jahre zurück liegende Mord an Anders Jonsson hat damit zu tun, dass dieser, geboren und aufgewachsen als Frau, bei der Suche nach einer sexuellen Identität als Mann unter Gewalt und Ausgrenzung leiden muss. Zudem – hier schlägt das Libretto vielleicht eine Volte zuviel – nimmt er nach dem Tod seines schwerkranken Bruders dessen Identität an: Eine bandagierte Puppe erinnert daran in stummer Dauerpräsenz.

Dieses Spiel mit den Zeitschichten – Wallander muss den alten Mordfall neu aufrollen und Ermittlungsfehler einräumen – greift die Regisseurin Julia Riegel auf. Sie, eingesprungen für den ausgestiegenen TV-Moderator und Tübinger Musikologie-Studenten Malte Arkona (bei der Uraufführung zugegen), blendet die Zeitschichten optisch sinnfällig ineinander. Gegenwart und Vergangenheit sind deutlich zu unterscheiden: die Jetzt-Zeit in kaltem Licht, das Früher in warmen Farben. Vielleicht in der Regie ist am ehesten spürbar, dass sich eine intensivere Zusammenarbeit mit Profis empfohlen hätte. Die Hauptdarsteller, teils Nachwuchssolisten am Beginn ihrer Laufbahn, wurden in Sachen Personenführung oft allein gelassen. Das Ergebnis: viel Statik und formelhaftes Gestenrepertoire. Was auch am Libretto liegt, das – für eine Krimi-Oper – wenig „action“ enthält, sondern sich aufs retrospektive Wiederaufrollen psychosozialer Hintergründe eines alten Falls beschränkt.

In anderen Szenen blitzt schon mehr Ideenreichtum auf. Etwa in der Eingangssequenz, wenn Wallander mit einer Party in den Ruhestand verabschiedet wird – und die Polizeikollegen mit einer Riesentorte anrücken, auf der ein rotierendes Blaulicht angebracht ist. Überhaupt, der Akademische Chor Tübingen: Er verkörpert Nebenfiguren und übernimmt erzählerische, kommentierende Funktion wie die Chöre der Antike und die Turba-Gruppen im Barock – Aufgaben, die der Chor mit Bravour löste. Vor allem in den Kirchenszenen, in denen das Liebesleben der Pfarrerin Christina Berglund Thema ist, agiert der Chor in süffigen Nonenakkorden – als psychologisch tieflotender wie stimmungsvoll leuchtender Klanghintergrund.

Wobei der Einsatz von Videosequenzen (Szenographie: Susanne Marschall) in mancher Hinsicht das bis auf wenige Requisiten eingesparte Bühnenbild zu ersetzen hatte. Mit Erfolg: Die Filmbilder tauchen oft ins Innere, in die Vergangenheit der Figuren ein. Sie zeigen alte Heimatfotos oder vergegenwärtigen im Schattenspiel verdrängte Traumata (Anders Jonssons frühe Demütigungs-Erfahrungen). Sie schaffen mit Spitzbogenfenstern eindrucksvolle Sakralraum-Atmosphäre oder öffnen Meerhorizonte, wenn Wallander mal wieder am Strand von Ystad das Weite sucht.

Die Moral von der Geschicht‘? Es gibt viele. Zum Beispiel die, dass sich bei Mankell in jedem Täter auch ein Opfer verbirgt. Selbst in Fredrik Berglund, der, aufgehetzt von der immer wieder aufflammenden (und in manchen Staaten offiziell geschürten) Intoleranz gegen Transsexuelle, zum Mörder wird.

Sicher, es gibt Problemzonen dieser Produktion – eine Musik, die sich teils im Recycling von Stilen erschöpft, eine Regie, die oft statisch bleibt, ein überlanges Libretto mit Redundanzen (die Fallaufklärung im zweiten Teil ist umständlich  geraten), ein Projekt, das sich mit dem prominenten Namen Henning Mankell schmückt und – neben der Zusammenarbeit mit der Württembergischen Philharmonie und der Musikhochschule Stuttgart – noch mehr erfahrene Opernprofis im Team gut vertragen hätte.

Doch was überwiegt, ist der große, gelungene Wurf. Der Mut der Musik zu großen, packenden Momenten – trotz austauschbarer Polystilistik. Die Uraufführung macht erlebbar, dass diese Opernproduktion ein universitäres Großprojekt ist, getragen von einer ganzen Reihe von Fächern, von Musik- und Medienwissenschaftlern, von Germanisten und Skandinavisten. Und dieser überall hör-, sicht- und spürbare gemeinsame Elan macht den eigentlichen Charme dieses Projekts aus.

Weitere Aufführungen: Heute, Montag, 18. Juli, 19.15 Uhr, Festsaal Neue Aula Tübingen. Von 13. bis 21. August weitere Vorstellungen in Ystad.

Die Solisten im Einzelnen

Das Ensemble dieser Produktion mischt junge Solisten und erfahrene Interpreten. Der Argentinier Matias Bocchio, in Stuttgart aktiv, gibt einen stimmlich robusten, nachdenklichen Kommissar Kurt Wallander. Kurts Tochter Linda kann unbefangener ermitteln und wird von der ebenfalls in Stuttgart tätigen dänischen Mezzosopranistin Lisbet Rasmussen Juel librettogetreu temperamentvoller, extrovertierter verkörpert. Der heikle Part von Tobias Jonsson – der zu Unrecht als Mörder seines Vaters Verurteilte taucht nach Verbüßung seiner Haftstrafe bei Wallanders Abschiedsparty auf und beteuert seine Unschuld – ist bei Gustavo Martín Sánchez recht gut aufgehoben: ein sehr leichter, juvenil klingender Tenor. Anders Jonsson, Tobias‘ Vater mit dem sprechenden Vornamen, ist die heimliche Hauptfigur der Oper. Sein Transgender-Schicksal bildet die Botschaft: Johannes Fritsche, Stipendiat der Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung, wertet diese Partie noch auf – mit voller, weicher Stimme und bekenntnishaftem Elan. Der weiblichen Hauptrolle, der auch einst von Wallander begehrten Pfarrerin Christina Berglund, verleiht die Schwedin Thérèse Wincent, früher am Münchner Gärtnerplatztheater, einen blühenden, kristallklaren Sopran. Ihre Kantilenen, unterlegt von naturtönigen Chorklängen, gehören zu den „schönsten Stellen“ der Oper, auch wenn die süßliche Harmonik fast schon kitschverdächtig rüberkommt.

Schließlich der Mörder Fredrik Berglund, den stets ein Leitmotiv in der Klarinette verrät – und der den Transgender-Verehrer seiner Schwester Christina erschlagen wird: Ihm gibt der langjährige Gärtnerplatz-Tenor Volker Bengl, wohl der erfahrenste Sängerprofi dieser Produktion, viel Aufgewühltsein und stimmliche Expressivität mit auf den Weg. OTTO PAUL BURKHARDT

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