Reutlingen Vesper – statt Citykirche

Reutlingen / Von Peter U. Bussmann 12.01.2018

Binnen weniger Stunden hat sich die Nikolaikirche in der unteren Wilhelmstraße in ihre mittlerweile im 21. Jahr auch schon angestammte dritte Rolle der Vesperkirche gewandelt. Die Citykirche, die sonst hier ihre Heimstatt hat, macht nun für vier Wochen Pause. Von Sonntag, 14. Januar, wird bis einschließlich Sonntag, 11. Februar, hier wieder „dem Hungrigen das Brot gebrochen“, wie der biblische Prophet Jesaia im Vesperkirchen-Motto sagt.

Gestern beim Tag des Umbaus – ein kleiner Trupp um Bruno Eitl hatte bereits am Mittwoch die Garderobe im Altarraum aufgebaut und die Wandverkleidungen zum Schutz der Kirche angebracht – standen die Hilfswilligen schon kurz nach 7 Uhr auf der Matte. Um 8.15 Uhr wurde in der Planie das gesamte dort eingelagerte Equipment geholt und mit Miettransportern in die Fußgängerzone gebracht.

Fein säuberlich nach Plan wurden die Tische und Stühle platziert. Das funktioniert inzwischen „wie ein gut geöltes Räderwerk“, lobt Vesperkirchen-Pfarrer Jörg Mutschler bewundernd. Die neu und großzügiger gestuhlte Vesperkirche verfügt jetzt über genau 99 Sitzplätze, berichtete Ursula Göggelmann. „Wir sind alle gespannt, wie die neue Sitzordnung angenommen wird“, sagen die Ehrenamtlichen unisono. Sinn der Übung ist es, die neue Vesperkirche barrierefrei einzurichten, erläuterte Pfarrer Mutschler. Vorbei die Zeiten drangvoller Enge, „wir wollen mehr Platz schaffen vor allem für Menschen mit Behinderungen“. Durch den besseren Zugang können behinderte und ältere Menschen künftig auch bedient werden. In diesem Jahr wird es einen „Mix aus Bedienung und Selbstbedienung“ geben, sagt Mutschler, sozusagen als „Einstieg in den andernorts üblichen Bedienungsservice, in eine andere Kultur“.

Neu ist auch der Wegfall des Essenskärtchen-Verkaufs am Eingang, sagt Göggelmann. Die Gäste nehmen einfach Platz und lassen sich bedienen oder holen sich ihr Essen an der Warmtheke. Die Bezahlung erfolgt auf Spendenbasis, jeder gibt, so viel es ihm wert ist oder wie er kann. Dazu stehen auf den Tischen Spendenkässle. Bislang wurde von Solidar-Essern 5,50 Euro verlangt, Bedürftige bekamen die warme Mahlzeit für einen Euro, sagt Göggelmann.

Selbst diese Kalkulation ginge aber nicht mehr auf, weil alles teurer wird. „Uns kostet das Essen, das frisch von der Küche der Bruderhaus-Diakonie geliefert wird, 6,33 Euro“, sagt Jutta Kuhk.

Ulrich Soulier verrät auch gleich das Menü für den Auftakt-Sonntag: Kalbsrahmbraten mit Schupfnudeln und verschiedenen Gemüsen, zum Nachtisch Fruchtjoghurt. 240 Essen sind bestellt, Mehrbedarf ist gesichert, es kann nachbestellt werden.

Mittlerweile rund 250 Ehrenamtliche, davon 60 bis 80 neu hinzugekommene Kräfte, stemmen die Mammutaufgabe, berichtet Gisela Braun. Positiv merkt Ursula Göggelmann an, dass „wir nie Probleme haben, Mitarbeiter zu finden“. Auch Firmen stellen mittlerweile Mitarbeiter für die Hilfe ab, um deren „soziale Kompetenz zu stärken“, weiß Kuhk.

Immer willkommen sind in der Vesperkirche Kuchenspenden. Sie stammen von Privatleuten, Kirchengemeinden, die Kerschensteinerschule liefert wieder Gebackenes, ebenso andere Schulen, berichtet Traudel Stengel.

Und weil die Vesperkirche „Nahrung für Leib, Seele und Geist“ verspricht, so Mutschler, bieten regelmäßig Friseure ihre Dienste in der Sakristei an, es gibt Massagen, eine Arztsprechstunde und Sozialberatung.

Neu ist in der Mittagszeit die „Atempause“, ein kurzer Moment der Stille mit kleiner geistiger Anregung, ein kurzes Innehalten.

Beibehalten wurde die „Kultur in der Vesperkirche“ als Benefizveranstaltung immer donnerstags um 19 Uhr mit einem Film am 18. Januar, es folgen Livemusik, Geschichten, Comedy und Magie.

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