"Selten haben wir so damit gerungen, ob wir jemandem überhaupt noch eine Chance geben", erläuterte Amtsrichter Eberhard Hausch sein Urteil, das ihm Bauchschmerzen bereitet hat. Schließlich haben er und die Schöffen sich zu einer Bewährungsstrafe durchgerungen, obwohl der Angeklagte das "Einfahren" verdient hätte. Zwei Jahre auf Bewährung erhielt ein 40-jähriger Mann für den sexuellen Missbrauch an drei Kindern in sechs Fällen. Eines der Opfer ist seine eigene Tochter.

Massive Vertrauensbrüche warf Staatsanwältin Rotraud Hölscher dem Mann vor, der in seiner verantwortlichen Position als Jugendleiter in einem Verein drei Kinder "in absolut ungehöriger Art und Weise" angefasst hat. Erstmals vergriff er sich 1996 an einem Mädchen unter dem Vorwand, Fieber messen zu wollen, ein anderes Mal erwartete er sie nackt in seiner Wohnung und verging sich an ihr. Anfang diesen Jahres lockte er einen zehnjährigen Jungen in seine Wohnung und verging sich zweimal an ihm, so heftig, dass der Penis des Jungen schmerzhaft verletzt wurde. "Das ist mehr als grenzwertig, da fliegt einem fast das Auge aus dem Kopf, wie heftig der Angeklagte da zur Sache gegangen ist", empörte sich Hölscher.

Während das erste Opfer schwieg, vertraute sich der Junge seiner Mutter an, die den Angeklagten schließlich am Telefon zur Rede stellte. Sie sagte bei der Polizei aus, dass der Industriemechaniker ihr gegenüber die Tat eingestand, mit der Begründung, er vermisse die eigenen Kinder. "Da klingeln alle Alarmglocken", betonte Hölscher.

Der Angeklagte bat die Mutter, von einer Anzeige abzusehen, da er viel zu verlieren habe. Mit der Anzeige kam dann auch der Missbrauch an der eigenen Tochter zu Tage. Diese lebt seit der Trennung 2010 bei der Mutter. Bei einem Besuch über das Wochenende fiel auch sie ihm zum Opfer. Seitdem will sie ihn nicht mehr sehen. Auch der jüngere Bruder weigert sich, den begleiteten Umgang durch den Kinderschutzbund wahrzunehmen. Aus Sicht des in Nordhorn geborenen Mannes sei daran die Mutter Schuld. Unbegreiflich für Hölscher: "Wundert es Sie, dass Ihre Tochter Sie nicht sehen will", fragte sie nach der Verlesung der Anklageschrift. Darüber hinaus wurde kinderpornographisches Material gefunden, das aber nicht Gegenstand der Verhandlung war. Dennoch: "Ich mache das schon sehr lange, aber das Zeug ist doch eher von der derberen Sorte", betonte Hölscher.

Mittlerweile befindet sich der Angeklagte in psychotherapeutischer Behandlung. Über seinen Anwalt Steffen Kazmaier zeigte sich der wortkarge Mann geständig und ersparte den Opfern eine Aussage.

Für Hölscher blieb der Angeklagte farblos, sie könne in keiner Weise in ihn schauen und so nicht einschätzen, inwieweit sich etwas bewegt hat. Geständnis, Therapie und das saubere Vorstrafenregister rechnete sie ihm an und forderte 18 Monate auf Bewährung sowie eine Arbeitsauflage von 150 Stunden. Eine Bewährungsstrafe hielt der Verteidiger für angemessen.

Bewährung erhielt der Angeklagte schließlich nur, um den Kindern den Unterhalt und die Fortführung der Therapie zu sichern, verbunden mit einer Batterie an Auflagen, denn Hausch vermutet in den verhandelten Taten nur die Spitze des Eisberges. Fünf Jahre dauert die Bewährung, er hat 300 Arbeitsstunden bei "Schwitzen statt Sitzen" abzuleisten, muss die Therapie erfolgreich abschließen, hat seine Unterhaltspflicht pünktlich zu erfüllen und bekommt einen Bewährungshelfer an die Seite.

Bauchweh bereitet Richter Hausch die Entscheidung dennoch, viele Fragezeichen würden bleiben, ob er nicht härter hätte entscheiden müssen, denn "bei Ihnen haben wir das Gefühl, wir sehen nicht mal an Sie ran".