Lichtenstein/Sachsen Vertrag kurz vor der Silberhochzeit Nach 22 Jahren stetigen Sich-Kennenlernens: Offizielle Partnerschaft mit Lichtenstein/Sachsen

JÜRGEN HERDIN 01.10.2012
Mit einem Festakt besiegelten nach 22 Jahren das sächsische Lichtenstein und Pfullingen ihre Verbindungen nun auch offiziell mit einer Städtepartnerschaft. 180 Vertreter zählte die schwäbische Delegation.

Erst kurz vor der "Silbernen Hochzeit" haben sie auch den Trauschein unterschrieben, doch was lange währt. . . In der Zeit des Umbruchs in der DDR wurden Vertreter der damaligen Erweiterten Oberschule (EOS) aus Lichtenstein, dem Gymnasium dort, ausgesandt, um die Möglichkeiten einer Schulpartnerschaft mit einer Kommune in Westdeutschland auszuloten.

Was lag näher, als dass man auf dem Atlas zunächst nach einem Ort gleichen Namens suchte, beschrieb Wolfgang Tschentscher vom Verein der Geschichte der Stadt beim Festakt am Samstag die Anfänge. Doch das Lichtenstein im Oberen Echaztal hatte keine solche Lehranstalt. Also zogen die Sachsen weiter ins benachbarte Pfullingen, wo sie vom damaligen Direktor des Friedrich-Schiller-Gymnasiums, Theo Götz, freundlich empfangen wurden.

Das ist nun über zwei Jahrzehnte her, am 9. November jährt sich der Mauerfall zum 23. Mal. Was sich in der Zeit zwischen beiden Städten entwickelte, darüber berichteten am Samstag vor 250 geladenen Gästen Bürgermeister Rudolf Heß und sein Pendant aus der Stadt am Fuße des Erzgebirges, Wolfgang Sedner.

"Wir kamen mit unserer dritten Delegation 1991 nicht nur unversehrt, sondern mit guten Gedanken zurück", so Sedner schmunzelnd. Und die Zeit schien reif für mehr als nur für artige Höflichkeitsbekundungen. Da es zwischen Sedner und Rudolf Heß "sofort gefunkt" habe, zitierte Tschentscher verlässliche Quellen, wurde mehr aus diesem zarten Pflänzchen. Unterhalb des Schlosses steht in Lichtenstein ein heute ausgewachsener Obstbaum, gepflanzt von Pfullingern.

Von denen war der Liederkranz mit Vorsitzendem Eugen Hilbertz und seinem Chor Ffortissimo zur Feier in die rund 12 600 Einwohner zählende Stadt zwischen Zwickau und Chemnitz gekommen. Seine öffentliche Premiere hatte der neue Liederkranz-Dirigent Mario Kay Ocker. Der Schwäbische Albverein um Doris Sautter verkaufte auf dem großen Fest am Altmarkt selbstgemachte Maultaschen. Die Pfullinger Schützen waren ebenso mit von der Partie wie eine Abordnung des Spielmanns- und Schalmeienzugs. Der Männergesangverein Eintracht durfte da freilich auch nicht fehlen.

Und damit nicht genug: Die Sportler des BFC schickten eine Abordnung, das DRK war mit Hubert Gulde vertreten. Auch mit in Sachsens Partnerstadt: Der Trachtenverein Echaztaler, der Verein für Brauchtumspflege sowie das Jugendblasorchester des Musikvereins Stadtkapelle.

Das Highlight des Abends war der singende Reutlinger Finanz-Bürgermeister Peter Rist. In seiner Show vor rund 250 begeisterten Fans - zwei Zugaben und Mitsingen bis zur Heiserkeit - griff der Allgäuer nicht nur zur Posaune, sondern gab auch noch einen Jodler.

Der Gemeinderat war vertreten durch Christine Böhmler, Christina Baumgärtel, Renate Wolf, Hilmar Taigel, Dr. Uwe Zimmermann und Florian Lang. Von Lichtensteiner Seite managte die Veranstaltung die Erste Beigeordnete der Stadt, Dagmar Hamann. Sie zog die organisatorischen Strippen und moderierte abends die Auftritte auf der Bühne, ließ sich dabei von Peter Rist sogar zu einem Refrain-Solo überreden.

"Wir sind ein Volk" sei mit dieser - nun auch hochoffiziell beurkundeten Liaison - erfolgreich abgeschlossen, befand Rudolf Heß in seiner Rede im Daetz-Centrum beim Schloss über den Dächern der Stadt. Ach wo: Natürlich könne von "Abschluss" keine Rede sein. Nach so vielen fruchtbaren und offenherzigen Begegnungen würden die Beziehungen natürlich weiter vertieft - ungezwungen, phantasievoll und sachorientiert, wenn es um kommunalpolitische Aufgaben und gemeinsame Projekte geht .

Längst sind Heß und Sedner Duz-Freunde, und schon kurz nach der Wende war der damals bereits pensionierte Stadtbaumeister Fritz Jordan für zwei Jahre ins Sächsische gezogen, um seine Erfahrung, sein Wissen weiterzugeben. So "ganz am Rande" sprang dabei eine städtebauliche Grünraumplanung heraus, die die Regierung des Freistaats überzeugte - und Lichtenstein eine Landesgartenschau bescherte. Der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf moderierte damals sogar täglich kurze Radiobeiträge aus Lichtenstein.

Es wuchs zusammen, was zusammengehört, zitierte Rudolf Heß die Geschichte machenden Worte von Willy Brandt, um vor der Vertragsunterzeichnung festzustellen: "Wir Pfullinger sind durch diese Begegnungen, durch diese Freundschaft mit Ihnen, reicher geworden." Der Tourismus, die Vereine beider Kommunen, die Stadtentwicklung und das bürgerschaftliche Engagement - wie sein Freund und Amtskollege Wolfgang Sedner sieht Heß noch viele Anknüpfungspunkte für zukünftige, gemeinsame Vorhaben.

Die Rosenprinzessin Lichtensteins, die kleine "Leonie I.", verlas den Text der Partnerschaftsurkunde, dann schritten die beiden Stadtoberhäupter zur Tat. Und kaum war die Tinte trocken, überreichte Heß den Lichtensteiner ein hohes Hinweisschild, gefertigt aus beständigem Stahl, so beständig wie das Bündnis der beiden Städte. Auf dem ist eine Distanz zu lesen, die die Menschen beider Kommunen schon Dutzende Male überwunden haben: 465 Kilometer.