Schluchzend ist der Sohn des Angeklagten auf der Aufnahme des Notrufs zu hören, die im Gerichtssaal des Tübinger Landgerichts abgespielt wird. „Kommen Sie bitte schnell“, sagt er unter Tränen am Telefon. Immer wieder muss der Polizist am anderen Ende nachfragen, wo er sich befindet und was passiert ist. Hörbar aufgelöst sagt der Sohn: „Mein Vater hat meiner Mutter mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen.“ Sie würde reden, aber alles sei voller Blut. Seit April sitzt der Ehemann wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft.

Nicht zu hören ist, dass der Angeklagte mit der Polizei gesprochen hat, wie er behauptet. Das würde fehlen, lässt er seinen Verteidiger Steffen Kazmaier sagen. „Das ist das reguläre Ende des Notrufs“, hielt ihm der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski entgegen.

Festnahme ohne Gegenwehr

Als die alarmierten Polizisten am Abend der Tat am Haus ankommen, ist der Ehemann nicht mehr vor Ort. Einige Minuten später können sie ihn festnehmen „Er ist völlig normal gelaufen, wie ein unbeteiligter Passant“, schildert einer der beiden Polizeiobermeister dem Gericht. Er habe sich ohne Gegenwehr festnehmen lassen, wirkte dabei durcheinander, weinerlich, aber nicht aggressiv und habe auch nicht gelallt oder stark geschwankt.

Auch auf seinen Kollegen wirkte der Angeklagte an dem Abend nicht stark alkoholisiert. Als er den Mann zur Wache brachte, habe dieser im Polizeiwagen gesagt, dass die Frau einen neuen Mann habe und er das nicht akzeptiere. Auf der Wache bricht der Angeklagte wegen seines Asthmas zusammen. Der Beamte von der Spurensicherung ging mit den Prozessbeteiligten die Beweisfotos durch. Die Verletzungen der Frau, die drei Stunden nach der Tat aufgenommen wurden, habe er als Abwehrverletzungen wahrgenommen. Dazu wird am nächsten Prozesstag die Gerichtsmedizin gehört werden.

Schriftliche Stellungnahme des Angeklagten

Am dritten Prozesstag verliest Verteidiger Steffen Kazmaier die Stellungnahme seines Mandanten. Darin beteuert der Angeklagte, er habe nicht die Absicht gehabt seine Frau zu töten oder zu verletzen. Er habe erhebliche Alkoholprobleme, sei psychisch krank und habe Asthma. Das was seine Frau vor Gericht ausgesagt habe, würde stimmen. Im Garten habe er für den Kompost eine Grube ausgehoben. Inzwischen hat auch die Polizei bestätigt, dass im Garten ein Loch ausgehoben wurde.

Große Alkoholsucht

Für die Arbeiten habe er den Vorschlaghammer gebraucht. Er holte ihn aus dem Keller, trug ihn nach oben ins Zimmer seiner Frau, legte ihn ihr zu Füßen, um sie zu motivieren ihm zu helfen. Stattdessen begann ein Streit mit Handgreiflichkeiten, beide hätten am Stiel gezerrt. Als seine Frau unerwartet loslässt, sei der Hammer nach vorne geschnellt und habe sie am Kopf getroffen.

Das Messer habe er aus der Küche geholt, um sich zu verteidigen, da er nicht wusste, wie seine Frau reagieren würde. Nach der Tat wollte er zum Supermarkt gehen, um was zu trinken zu kaufen. Inzwischen habe er erkannt, dass es wichtig sei eine Therapie zu machen. In seiner schriftlichen Aussage gibt er immer wieder an, dass er sehr viel Alkohol getrunken hat. Mit der Stellungnahme erhielt das Gericht auch die Kopie eines Schreibens des Scheidungsanwaltes des Angeklagten an die Ehefrau. Die Ehe sei ein Auf und Ab gewesen. Schon im vorangegangenen Prozesstag war immer wieder von Streitigkeiten während der Ehe die Rede. Wegen häuslicher Gewalt wurde die Polizei des Öfteren gerufen. Aus dem Gefängnis hat er seiner Frau geschrieben und sich mehrmals entschuldigt. „Ich hatte keinerlei böse Absichten“, liest Richter Polachowski aus dem Brief vor, den die Nebenklägerin Safak Ott, als Beweismittel einbrachte.

Neue Beweislage

Angesichts der Beweislage beantragte Kazmaier erneut den Angeklagten frei zu lassen. Auch Staatsanwalt Lukas Bleier ging nicht mehr von einem dringenden Tatverdacht aus.

„Aufgrund der aktuellen Beweislage könne nicht mehr von einer vorsätzlichen Tötung ausgegangen werden“, sagte nach kurzer Beratung auch der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski und entließ ihn aus der Haft. „Am nächsten Verhandlungstag müssen sie freiwillig kommen“, gab er dem Mann mit auf den Weg.

Das Urteil wird am 30. Oktober gesprochen


Die Verhandlung im Fall des versuchten Mordes geht am 30. Oktober in die nächste und zugleich auch letzte Runde. Die Gerichtsmedizin wird hier dann Aussagen zur den Verletzungen machen. Anschließend werden die Plädoyers gehalten und das Urteil gesprochen. lei