Den Freitagabend dürfte Holger Schlosser weitgehend schweigend verbracht haben. Was verständlich wäre. Über zwei Stunden lang hat er an diesem Nachmittag seine Zuhörer angeschrien. Ohne Mikro, aber mit dem mächtigen Sound seiner Stimmbänder ist er auf einem Bürotisch gestanden, hat mit den Armen gewedelt und gezählt, was das Zeug hält. Die Nummer 514 zum Beispiel hat er für einen, zwei, drei,...14, ja letztlich satte 28 Euro an den Mann gebracht. „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten“, ruft Schlosser in die Menge hinein, dann kann sich der Käufer das smaragdgrüne Bike mit den knallblauen Rädern abholen. Das Schnäppchen, das der Mann gerade gemacht hat, treibt ihm ein breites Grinsen ins Gesicht. Das allerdings sieht Schlosser schon nicht mehr. Er ist geistig und akustisch längst beim nächsten Fundfahrrad angelangt, das er an diesem Nachmittag im Auftrag der Stadt Reutlingen auf deren Areal an der Tübinger Straße versteigert.

Publikumswirksam präsentiert

Fast 100 Gefährte sind es insgesamt, die der Mitarbeiter des Bürgeramts im Minuten-Takt anpreist. Mal sind es Kinderräder, mal E-Bikes und dazwischen schaffen es auch ein Tretroller und ein Longboard auf die Biertische, auf denen die Gefährte publikumswirksam präsentiert werden. Nur die beiden Motorroller, die zum Verkauf stehen, müssen auf dem asphaltierten Boden bleiben. Die schweren Fahrzeuge will keiner der Kollegen vom Bürgeramt, die Schlosser zur Seite stehen, auf die Bierbänke hieven.

Mehr als 50 Bieter

Die Fundfahrrad-Versteigerung, mit der die Stadt Reutlingen die Mitarbeiter des Bürgeramts zwei Mal pro Jahr betraut, ist für Schnäppchenjäger ein Muss. Gut 50 potenzielle Bieter haben sich diesmal um Schlosser und Co. geschart, um günstig an ein neues Transportmittel zu kommen. Wobei die meisten von ihnen die Rechnung ohne einen Mann mit sensationeller Rastalocken-Pracht gemacht haben, der für fast jedes der Gefährte bietet. Grob geschätzt jedes dritte Rad wechselt in seinen Besitz über. Alles was für unter 16 Euro zu haben ist, räumt er ab. Im Eifer des Gefechts ersteigert er sogar einen rosafarbenen Plastik-Tretroller. „Den wollte ich gar nicht“, muss er zugeben – und hat Glück, dass die beiden Damen vom Bürgeramt, die an der Kasse sitzen, kulant sind. Der Tretroller wandert nochmal auf den Präsentationstisch. Ansonsten allerdings ist dieser Nachmittag für den Rasta-Mann durchgängig ein Erfolg. „Ich kaufe das alles, um es nach Afrika zu bringen. Die Wege dort sind lang, vor allem für die Kinder, die in die Schule müssen“, erklärt er seinen Bieter-Fleiß, der eine Reutlingerin allerdings fast in den Wahnsinn treibt. Für sich, ihre Mitbewohnerinnen, Bekannte und Verwandte würde sie gern ein Rad nach dem nächsten ersteigern – doch zum Zug kommt sie nur selten.

Teils gute Qualität

Bei den höherpreisigen Bikes allerdings sind es die anderen Käufer, die ihre Chance wittern. Für 70, 100 und 150 Euro gehen gleich mehrere Räder an Familienväter und Senioren, die froh sind, gute Qualität für relativ wenig Geld zu erstehen.

Der Nachmittag, sollte man meinen, ist ein lohnendes Geschäft nicht nur für die Käufer, sondern auch für die Stadt. Die Geldscheine stapeln sich im Kassen-Kästchen. Doch weit gefehlt. Die Lagerhalle in der Tübinger Straße, die Personalkosten und der restliche Aufwand lassen die Einnahmen unter dem Strich zusammenschrumpfen zu einer eher roten als schwarzen Null. „Der Aufwand lohnt sich eigentlich nicht“, sagt Schlosser. Doch bei Fundsachen hat die Stadt eine halbjährige Aufbewahrungspflicht, der sie nachkommen muss. Erst dann kann sie die Räder verkaufen und ihr Lager räumen, das dringend für neue Fundsachen gebraucht wird.

Für Holger Schlosser, der die Versteigerung fast schon zum Event macht, war es am Freitag bereits das 25. Mal, dass er die Bikes angepriesen hat wie ein Marktschreier. Dass dieser Teil seines Aufgabenbereichs dem Bürgeramt-Mitarbeiter mächtig Spaß macht, will er gar nicht verhehlen, zumal der Eninger im Nebenjob „Lesungen mit Biss“ anbietet und im Bereich Rezitationen und Schauspiel unterwegs ist. Und eine astreine Darbietung, das muss man Schlosser lassen, war die Versteigerung von 100 Rädern am Freitag allemal.