Reutlingen Verständigung, Dialog und Besinnung

Drei Essensausgaben, drei Gänge, danach viele Süßigkeiten: Um die 1500 Menschen bevölkerten nach Sonnenuntergang den Marktplatz. Es war der letzte Fastensamstag im diesjährigen Ramadan, der am Donnerstag endet.
Drei Essensausgaben, drei Gänge, danach viele Süßigkeiten: Um die 1500 Menschen bevölkerten nach Sonnenuntergang den Marktplatz. Es war der letzte Fastensamstag im diesjährigen Ramadan, der am Donnerstag endet. © Foto: Jürgen Herdin
Von Jürgen Herdin 11.06.2018

Am Abend des kommenden Donnerstag endet der islamische Fastenmonat Ramadan. Wer dessen Regeln befolgt isst und trinkt nichts zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Danach gibt es Speisen und Getränke. In Reutlingen begingen Muslime aus gut einem Dutzend Herkunftsländern nun schon zum dritten Mal das öffentliche Fastenbrechen, das am letzten Ramadan-Samstag gefeiert wird.

Über 1000 Menschen nahmen an dem großen Essen auf dem Marktplatz teil. Eingeladen hatten drei muslimische Gemeinden Reutlingens – Ahmadiyya Jamaat, die Internationale Islamische Gemeinschaft Reutlingen und die Yunus-Emre Moschee. Auch die Stadt beteiligte sich erneut an dem Fest.

Die Redner auf der Bühne betonten allesamt das Verbindende der Religionen der Welt und forderten einen nachhaltigen, aktiven Dialog. „Lasst uns unsere Beziehungen pflegen und zeigen, wie vielfältig Reutlingen ist“, sagte Yasmina Hafafsa von der Islamischen Gemeinschaft.

Und wie vielfältig die Stadt ist, war am Samstagabend auch  zu riechen: Exotische Düfte, die aus drei Zelten kamen, vermischten sich und sorgten für internationales Flair auf dem Marktplatz. So hatte das Küchenteam der Yunus-Emre Moschee für einen Bohneneintopf mit Reis und Suppen gesorgt. „Datteln und andere Süßigkeiten gibt es natürlich auch noch“, versicherten Ali Yildiz und Huseyim Aykanat.

Lange Schlangen bildeten sich bei Einbruch der Dämmerung auch vor dem Zelt der Islamischen Gemeinschaft. Die Chefköchinnen Aicha Azmal und Nadina Atfaoui hatten mit ihrem Team Harira, eine marokkanische Tomatensuppe gekocht. Es folgte ein Eintopf mit Kartoffeln, Kalbfleisch und Oliven. Süßigkeiten und Melonen gab es dort auch.

Ahmadiyya Jamaat hatten für ein pikantes Hähnchengulasch gesorgt – mit Kicherbsen und Salat. „Das ist eine pakistanische Spezialität“ erfuhren die neugierigen Besucher vom Koch Ahmad Kansar Farooq, bevor sie sich entscheiden konnten, in welche Schlange sie sich denn nun nach Gusto einreihten. Wie gehabt wurden alle Speisen kostenlos ausgegeben.

Der Fastenmonat ist eine Zeit der Einkehr, des Gebets und der Konzentration auf das Wesentliche. Gleichzeitig ist er eine Zeit der Begegnung und des Miteinanders. Und so wird das tägliche Fastenbrechen nach Sonnenuntergang nicht nur in vielen Moscheen gefeiert. Jede Form des Beisammenseins von Verwandten, Freunden und Gästen wird dann besonders gefeiert.

Reutlingens Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn hatte zuvor „diese Zeit des Miteinanders und der Gastfreundschaft“ gelobt. „Hier wird muslimisches Leben in der Stadt sichtbar gemacht“, so Hahn. Dem schloss sich Frieder Leube an. Der Islambeauftragte der evangelischen Kirche plädierte dafür, offen zu sein für andere Religionen, wobei es wichtig sei für den Dialog, „auch die Unterschiede nicht zu verschweigen“. Dabei gelte es „das zu überwinden, was uns trennt“ und zu bewahren, was die Menschen eint.

Nachdem der 15-jährige Türke Iklir auf der Bühne aus dem Koran vorgelesen hatte, „ich lerne seit sechs Jahren arabisch“, war es an Prof. Dr. Abdelmalek Hibaoui, einige Gedanken zusammenzufassen. Der Hochschullehrer, der bereits Imam in Reutlingen war, verlangte, „das Gift der gesellschaftlichen Spaltung zu bekämpfen“. Immer wieder komme es sogar zu Kriegen, weil Menschen andere „der falschen Meinung“ bezichtigten. Die Versöhnung müsse die Oberhand gewinnen, so Hibaoui. Dafür sei der Ramadan, „als besondere Zeit der Besinnung“, sehr wichtig.