Es war eine in Teilen emotional geführte Debatte. Mit einer deutlichen Mehrheit von 27 zu zwölf Stimmen sprach sich der Reutlinger Gemeinderat in seiner Sitzung am Dienstagabend gegen die Errichtung eines neuen Überwegs für Fußgänger und Radfahrer aus. Gegen einen Neubau stimmten Grüne, CDU, Freie Wähler, FDP und die Linke, für einen neuen Übergang sprachen sich die SPD, die WiR-Fraktion und die AfD aus.

Stattdessen soll an der Ecke Oskar-Kalbfell-Platz/Alteburgstraße ein ebenerdiger Übergang mit einer großzügig bemessenen Aufstellfläche errichtet werden. Und es wird auch kein Provisorium geben, wenn der alte Steg Ende September abgerissen wird. Die Kosten für den Abbruch des kompletten Stegs betragen rund 175 000 Euro.
Bernd Eger, stellvertretender Leiter des Amtes für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt, erläuterte in der Stadthalle, worauf beim Übergang geachtet werden müsse, um die von CDU und Grünen geforderten Kriterien einhalten zu können. Um eine ausreichend große Aufstellfläche zu  erhalten, müsse möglicherweise die Rechtsabbiegespur von der Konrad-Adenauer- in die Alteburgstraße oder eine Geradeausspur in der Adenauer-Straße weggenommen werden. Dies wiederum könnte zu längeren  Rückstaus führen.

Stadtverwaltung: Ebenerdiger Übergang „nicht empfehlenswert“

Sollte die Aufstellfläche immer noch zu gering sein, sei laut Eger zu prüfen, ob auf der Seite des Nordsternhauses Eingriffe in die Tiefgarage nötig seien, was Verhandlungen mit dem Tiefgaragen-Eigentümer erforderlich mache. Zudem müsse der zukünftige Trassenverlauf der Regionalstadtbahn am Oskar-Kalbfell-Platz in die Planungen mit einbezogen werden. Weiterhin sei es erforderlich, eine komplette neue Ampelanlage zu planen und bauen, was aufgrund der Versorgungsleitungen im Untergrund nicht einfach sein dürfte: Das Fazit der Stadtverwaltung fällt daher eher skeptisch aus: „Nach den derzeit vorhandenen und prognostizierten Verkehrsmengen sowie den gesamten Risiken ist der Bau einer weiteren ebenerdigen Querung am Oskar-Kalbfell-Platz möglich, aber weiterhin nicht empfehlenswert“, sagte Eger.

Eine Mehrheit des Gremiums sah dies anders: Anstelle eines Stegs setze die Linke auf mehr Sicherheit durch weniger Verkehr, erklärte Rüdiger Weckmann, der auch eine Auflösung der Rechts- und Linksabbiegespur,  eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Kilometer/Stunde in der Stadt und einen fußgängerfreundliche Ampelschaltung mit langer Grünphase forderte. Der ebenerdige Übergang sei eine „nachhaltige, zukunftsfähige Lösung“, sagte der Linken-Stadtrat.
Eine Ansicht, die Ramazan Selcuk nicht teilte. „Glaubwürdigkeit, Sicherheit und Verantwortung“ sind für den SPD-Stadtrat  die zentralen Entscheidungskriterien. Die SPD werde den Wunsch der Bürger, die über 500 Unterschriften gesammelt hätten, nicht ignorieren. „Wer am Steg sägt, bringt das vorhandene Sicherheitskonzept mit zum Einsturz. Eine glaubhafte Entscheidung kann nur den Neubau eines Bürgerstegs beinhalten“, betonte der SPD-Stadtrat in seinem emotionalen Redebeitrag.
„Sie vertreten nicht alle Bürger“, hielt FDP-Stadträtin Regine Vohrer Selcuk entgegen, der sich als „Drama-Queen“ stilisiere. Die FDP habe keine Problem mit ihrer „Glaubwürdigkeit“ sie sei von Anfang an gegen einen Stegneubau gewesen. Die Stadt habe bislang rund eine halbe Million Euro ausgegeben, „ohne dass wir etwas haben“. Die FDP  gehe davon aus, dass die Stadtverwaltung einen „ebenerdigen Luxusüberweg“ schaffen werde.
Die rückläufigen Zahlen von Autos, LKWs und Motorrädern in der Konrad-Adenauer-Straße schaffen aus Sicht von Gabriele Gaiser die Möglichkeit eines sicheren, ebenerdigen Übergangs.Vorwürfe von Seiten der SPD, dass sich ihre Fraktion von der Mobilitätswende verabschiede, wies sie zurück. Wie der Wettbewerb gezeigt habe, habe kein Preisträger alle Voraussetzungen (sichere Querung für Fußgänger und Radfahrer, Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung) erfüllen können, sagte die CDU-Fraktionsvorsitzende.  Der Gemeinderat habe erkennen müssen, dass für drei Millionen Euro ein Steg, der alle Voraussetzungen erfüllt, nicht realisiert werden könne. Die politische Ehrlichkeit gebiete es daher, Ausgaben von sechs Millionen Euro für einen neuen Steg zu überdenken.
WiR-Fraktionschef Prof. Jürgen Straub lehnte es ab, den Rotstift bei der Verkehrssicherheit anzusetzen für Fußgänger anzusetzen. Weiter würde, so Straub, eine ebenerdige Querung den Verkehrsfluss in der  Adenauerstraße abrupt unterbrechen, was dort zu deutlich höheren Schadstoffimmissionen führen werde. Seine Fraktion befürworte daher den „Neubau eines fußgänger-, fahrrad- und behindertengerechten Stegs“.

Bergmann. „Wir können uns den Steg nicht mehr leisten.“

Die Grünen teilten die Aussage „Kein Steg = lebensgefährlich“ nicht, stellte Holger Bergmann klar. Der Stadrat der Grünen und Unabhängigen verwies auch auf die ebenerdige Überquerung der Karlstraße Höhe Wilhelmstraße/ Unter den Linden, die täglich von vier Mal soviel Fußgängern als der Steg genutzt würde. Mit Blick auf wegbrechende Steuereinnahmen müsse man erkennen, „dass wir uns den Steg nicht mehr leisten können“.
Wie der Wettbewerb gezeigt habe, könne ein Steg nicht die Bedürfnisse von Fußgängern, Radfahrer und Menschen mit Behinderung erfüllen, konstatierte auch Erich Fritz (FWV). Er traue es durchaus Schüler und Mitbürgern zu, dass sie auch ohne Steg über die Straße kommen. Sein Appell: „Lasst uns einen ebenerdigen Übergang bauen!“
Dagegen plädierte Ingo Reetzke (AfD) für den Bau eines neuen Stegs, um Fußgänger, Radler und Autofahrer zu trennen. Zudem befürchtet die AfD durch einen ebenerdigen Übergang länger Rückstaus und damit steigenden Schadstoffausstoß.
Wie geht’s jetzt weiter? Nach dem Abriss und bis zur Fertigstellung des neuen Übergangs, was frühestens in eineinhalb bis zwei Jahren der Fall sein wird, müssen die Fußgänger, Radfahrer und Rollstuhlfahrer entweder den Steg auf Höhe der  Eichendorff-Realschule oder den ebenerdigen Übergang vor der GWG nutzen.