Als Ironie des Schicksals wertete die Vorsitzende Richterin Mechthild Weinland, dass der Angeklagte wegen einer Vermisstenanzeige selbst auf der Anklagebank zu sitzen kam. Und am Donnerstag von der zweiten großen Strafkammer des Tübinger Landgerichts zu sechs Jahre Haft wegen Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung verurteilt wurde. Wäre der Angeklagte nicht zur Polizei gegangen, um seine damalige Lebensgefährtin suchen zu lassen, hätte diese ihn vermutlich nie angezeigt.

Weinland zeichnete in ihrer Urteilsbegründung die letzten Monate nach, die die Frau durchgemacht hat. War die Beziehung am Anfang harmonisch, wandelte sich die Situation nach kurzer Zeit in ein Martyrium aus Gewalt, Drogen und Psychoterror. Die temperamentvolle und selbstbewusste Frau zermürbte der Angeklagte mit seinen Psychospielen, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst war, fasste Weinland zusammen. Er hat sie mehrmals geschlagen, mit dem Messer im Gesicht verletzt, sie zwei Mal vergewaltigt und immer wieder gedroht sie abzuschlachten. Er inszenierte sogar eine Scheinhinrichtung.

Damit sie genug Geld haben, hat sich die Frau prostituiert. Ein Freier von ihr wurde zum Freund und versorgte ihre Verletzungen. Krankenhaus- und Arztberichte zeugen von den Misshandlungen. Mehrmals hat sie sich Freunden anvertraut. Nach einigen Monaten konnte sie mit Hilfe ihres ehemaligen Partners der Beziehung entkommen. Damals wollte sie ihn anzeigen. Bei der Polizei fühlte sie sich nicht ernst genommen und unterließ es. Erst als die Polizei nach ihr suchte, fand sie den Mut für diesen Schritt.

Mit der Aussage der Frau unter Ausschluss der Öffentlichkeit waren die anfänglichen Zweifel der Kammer ausgeräumt. „Wir haben keinen Zweifel, dass die Angaben richtig sind“, betonte Weinland. Der Einlassung des Angeklagten schenkte sie keinen Glauben. Er beschrieb seine damalige Partnerin als dominant, streitsüchtig und gewalttätig. Er gab einige der Taten zu, die ihm vorgeworfen wurden, deutete sie dabei aber um. Der Geschlechtsverkehr und die damit verbundenen Praktiken seien einvernehmlich gewesen. Er wollte sie nicht abschlachten, sondern versuchen sie zu retten, als sie Schlaftabletten nahm. Er habe sie nur ins Gesicht geschlagen, wenn sie ihn sehr beleidigt hat. „Die Kammer hält die Einlassung für widerlegt“, sagte Weinland. Das habe sich mit den Zeugenaussagen der Freunde und Bekannte nicht bestätigt. Gegen ihn sprechen seine laut Weinland einschlägigen und massiven Vorstrafen wegen gefährlicher Körperverletzung, Vergewaltigung, Bedrohung und sexueller Belästigung. „Die Kammer hatte keine Zweifel, dass der Angeklagte die Taten begangen hat“, betonte Weinland. Seine Taten zeugen von großer Menschenverachtung und Brutalität. Sie waren nicht zufällig, sondern von ihm inszeniert. Er habe beharrlich daran gearbeitet, seine Lebensgefährtin gefügig zu machen und habe sie wie Vieh gehalten.

Voll schuldfähig

Die Kammer befand den 43-Jährigen trotz seiner Persönlichkeitsstörung und fehlender Impulskontrolle, die der psychiatrische Sachverständige Dr. Henner Giedke feststellte, für voll schuldfähig. Angeordnet wurde die Sicherungsverwahrung, da er zu erheblichen Straftaten neige. Die Kammer hatte keinen Zweifel, dass er sich bei Gelegenheit wieder eine schwache Frau suche, um sie zu unterdrücken und zu misshandeln. Er könne sich nicht von seinen Taten distanzieren, leugne und relativiere sie. Ihm fehle der selbstkritische Umgang mit seiner Kriminalität. Weinland: „Dem bisherigen Verhalten muss ein Riegel vorgeschoben werden und andere Frauen geschützt werden.“