Wie harmonisch war die Beziehung? Wer war der Dominante? Wie groß war das Drogenproblem? Hat sie sich freiwillig prostituiert oder wurde sie gezwungen? Das sind nur wenige der Fragen, die die Richter am Landgericht den Zeugen stellen, um sich einen Eindruck vom Charakter des Angeklagten und dessen früherer Freundin zu machen. Sie hat ihn im vergangenen Jahr bei der Polizei angezeigt, weil er sie mehrfach geschlagen, sie vergewaltigt sowie sie und ihre Kinder bedroht haben soll. Doch gehen die Schilderungen der Frau und des Angeklagten relativ weit auseinander. Am vergangenen Prozesstag hat sie knapp vier Stunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor dem Tübinger Landgericht ausgesagt.

Zeuge macht Erinnerungslücken geltend

Wenig aussagekräftig war am darauf folgenden, dritten Prozesstag die Aussage eines Freundes des Paars, mit dem er sich ein bis zweimal die Woche getroffen hatte. „Dazu kann ich nichts sagen“ oder „Daran kann ich mich nicht erinnern“ kamen ihm nur allzu häufig über die Lippen. Er könne nichts zu Drohungen oder Drogen sagen. Er habe keine Verletzungen gesehen. „Das war eine Beziehung wie jede andere, mit Höhen und Tiefen“, sagte er. Der Angeklagte sei ein lieber Mensch, hätte ein gutes Herz. An Beispielen konnte er die Eigenschaften nicht festmachen.

Von Freundin als Bastard bezeichnet

Denn erst als die Richter, der Nebenkläger und der Sachverständige genauer nachfragten, kamen zögerlich vage Einzelheiten. Dass sie gekifft hätten, dass der Angeklagte von der Freundin als Bastard bezeichnet wurde, er aber vernünftig reagiert hätte. Dass der Angeklagte ihm Anzeigen gezeigt habe, aus denen ersichtlich wurde, dass die Freundin sich prostituiere. Da war dann auch die Geduld der Vorsitzenden Richterin Mechthild Weinland aufgebraucht, die zu Beginn nach Besonderheiten der Beziehung gefragt hatte und sich nun ärgerte: „Warum sagen sie uns das alles erst auf Nachfrage?“

Widersprüchliches Verhalten

Bereitwilliger sagte eine Freundin der Frau aus. Den Angeklagten beschreibt sie als freundlich, man habe sich mit ihm gut unterhalten können, er habe sich ihr gegenüber als fürsorglich hingestellt. Ihre Freundin könne schon dominant und beherrschend sein. „In manchen Situationen ist sie aber auch unterwürfig.“ Eine gewalttätige Auseinandersetzung habe sie nie direkt mitbekommen. Der Angeklagte habe ihr gegenüber aber zugegeben, dass er die Freundin mit einem Schraubendreher verletzt und ihr eine Schnittwunde unter dem Auge zugefügt hat. „Ich habe das nicht verstanden, wie er sie so angehen konnte“, irritiert sie sein widersprüchliches Verhalten noch immer.

Pause von der Beziehung

Die Frau war bei ihr, wenn sie eine Pause von der Beziehung brauchte. Den Drogenkonsum bestätigte sie, wie auch die Prostitution ihrer Freundin. Das habe sie gemacht, um Geld für ihre Reise zur kranken Mutter nach Italien zu verdienen und um für dort ein kleines Polster zu haben. Das deckt sich mit der Aussage des Angeklagten. Von dem sie zuletzt den Eindruck hatte, er spiele ihr eine Rolle vor. Sie fühlte sich von ihm bedroht, da er ihr die Schuld am Verschwinden der Freundin gab.

Nachdem ihre Freundin die Anzeige erstattet hatte, habe sie Besuch von der Kriminalpolizei und vom Jugendamt bekommen. In einem Telefonat mit dem Angeklagten habe er sie bedroht, gesagt ihr würde das alles noch leid tun. Von den sexuellen Übergriffen habe sie erst im Nachhinein erfahren.

Als selbstbewusst hat die Familientherapeutin die Frau im April vergangenen Jahres kennengelernt. Da war sie mit dem Angeklagten erst seit kurzem zusammen. Zwei Monate später erzählte ihr die Frau, dass sie sich bedroht fühle, er einmal den Boden mit Plastiktüten ausgelegt hätte und sie abschlachten wolle. Sie habe sich kontrolliert gefühlt. Zunächst fanden die Treffen im Metzinger Büro statt, später fuhr die Familientherapeutin nach Eningen, da der Angeklagte die Frau nicht mehr weit weg gelassen hätte.

Mit dem Jugendamt auf Kriegsfuß

Sie und ihr Kollege erinnern sich vor Gericht, dass die Frau eine Verletzung am Auge hatte. Sie wussten, dass sie Drogen nahm und sich prostituierte. Mit dem Jugendamt habe die Frau auf Kriegsfuß gestanden und sich dem Amt gegenüber ausfällig geäußert, eine Mitarbeiterin damit gedroht sie abzuschlachten. Hinsichtlich der Beziehung zum Angeklagten sei sie immer ängstlicher und verzweifelter gewesen. Sie habe sich gefügt, ihn nicht verlassen aus Angst um ihre Kinder, die er bedroht habe. „Was ihr passiert, war ihr egal“, sagte der Sozialarbeiter vor Gericht. „Damals war sie psychisch sehr geknickt.“ Nachdem die Frau sich mehrere Monate  im Ausland versteckt hatte, habe sie inzwischen wieder Kontakt mit dem Sozialarbeiter. Auf ihn mache sie jetzt einen „super Eindruck“.

Der Prozess wird am 24. Oktober fortgesetzt.

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Tübingen/Eningen