Kunst Verdichtete Botschaften

Sammler Bert Wagner (rechts) sprach über Winand Victor. Links dessen Tochter Winni, die den Nachlass verwaltet.
Sammler Bert Wagner (rechts) sprach über Winand Victor. Links dessen Tochter Winni, die den Nachlass verwaltet. © Foto: Kathrin Kipp.
Reutlingen / Kathrin Kipp 24.01.2018

Ein breites Victor-Spektrum tut sich hier auf: Das „Selbstbildnis“ von 1978 trifft auf „Mann und Frau“ von 2001, das „Museum des XX. Jahrhunderts“ von 1994 auf die Einkaufs-„Passage“ von 1982.

Der Maler Winand Victor wurde 1918 zwar im holländischen Schaesberg geboren, lebte aber seit 1949 mit seiner Frau in Reutlingen. Wo sein 100. Geburtstag deshalb auch mit einem ausgiebigen Ausstellungsreigen gefeiert wird. Zum Jubiläumsauftakt bei Reinhold Maas war die Galerie in der Gartenstraße jedenfalls schon mal proppenvoll. Das habe er auch nicht alle Tage, so Maas, zeige aber, „wie wichtig und bedeutend Winand Victor für Reutlingen“ gewesen sei. Maas hat auch schon in der Vergangenheit immer wieder Winand Victors Arbeiten präsentiert, wofür sich OB Barbara Bosch bei der Vernissage bedankte, ebenso wie die Tochter Winni Victor, die den Nachlass ihres Vaters betreut.

Die Stadt geprägt

Der Maler habe jahrzehntelang das „künstlerische Schaffen in der Stadt geprägt, so Bosch. Nicht nur mit zahlreichen Ausstellungen, sondern auch mit der Zusammenführung von Kunst und Literatur, unter anderem mit der Herausgabe der „Telegramme“. In seinem Atelier in der Ulrichstraße trafen Bild- und Wortkünstler zusammen. Und auch sonst sei Victor ja sehr präsent in der Stadt, freut sich die OB: Während der Ratssitzungen habe sie den direkten Blick auf Victors Triptychon im Sitzungssaal. Auch die städtische Kunstsammlung verfügt über 100 Werke, von denen im Sommer eine Auswahl gezeigt wird.

Einer von Victors privaten Sammlern ist der Reutlinger Bert Wagner, der über zwanzig zum Teil großformatige Werke zu Hause hängen hat, die die große Bandbreite von Victors Schaffen spiegeln. Seine Besucher staunen oft über die „vielfältige Palette der Kreativität Victors“ und könnten „gar nicht glauben, dass sie alle aus einer Hand“ seien, erzählt er den über 100 Kunstfreunden. Winand Victor habe sich auch immer dafür interessiert, wer seine Bilder kaufe. Und so kann er sich an anregende Gespräche erinnern – ein „wahrhaft großer Geist“, so Wagner.

In Victors Bildern zeigen sich immer wieder biografische Spuren, so auch in der Kriegsheimkehrer-Serie, aus der Wagner ein Bild besitzt. Es zeigt die Ankunft eines Menschen, dem die „körperlichen und seelischen Verletzungen anzusehen“ sind, in einer Stadt, „in der das Leben bereits wieder aufblüht“. Auch im „Selbstbildnis“ von 1978 zeigen sich diese Verletzungen. Dr. Veronica Mertens, Direktorin des Museums Albstadt, das ebenfalls über eine stattliche Victor-Sammlung verfügt, sieht darin ein „Bildnis voller Abgründe, Fragen, Irritationen und Spuren“, „mit all der Verletzlichkeit, die einem Leben im 20. Jahrhundert widerfuhr“.

Noch kurz vor seinem Tod sprach Winand Victor davon, „wie tief das Erlebnis des Krieges“ bei ihm nachgewirkt habe. Und so ist auch sein Selbstbildnis „kein spiegelglattes Abbild“, sondern mit Bleistift und Acryl auf zerknittertes, „geschundenes“ Papier gezeichnet. Dieser Splitter-Effekt setzt sich in seinen „kristallinen“ Arbeiten fort, die einen gewissen Gegenpol zu seinen „vegetativen“ Arbeiten bilden, wie Dr. Veronica Mertens erklärt: In seinen „vegetativen“ Arbeiten verwendet Victor vorwiegend sandfarbene Töne, wie in „Vegetatives Ocker“ (1996) oder in „Mann und Frau“ (2001), die sich wie „Adam und Eva vor dem Zeichen des Baumes die Hände“ reichen. In seinen „kristallinen“ Arbeiten wie das großformatige „Auf dunklem Grund“ von 1998 können sich Mann und Frau nicht mehr direkt begegnen, „obwohl im Lichtraum vereint“. Ihre Ansichten sind vielfach gebrochen, „wie im Spiegelkabinett. Gemalt hat es Victor unmittelbar nach dem Tod seiner Frau. So habe sich Winand Victor „einen persönlichen Weg zwischen Welthaltigkeit, Figuration und autonomer Bildorganisation“ erarbeitet, so Mertens, auf dem er sich „durch die Verdichtung von Materialien und Formen eine neue, künstlerische Welt“ schafft: „Verdichtete Botschaften“ mit einer ganz eigenen Poesie.
Info: Winand Victor zum Hundertsten. Die Schau ist bis zum 25. Februar, in der Galerie Maas, Reutlingen, Gartenstraße 49, zu sehen.