Reutlingen / JÜRGEN SPIESS  Uhr
Viel Applaus bekam am Donnerstag das genreübergreifende Spektakel "hyrrätytö" im franz.K. Der 90-minütige Auftritt der acht Wort-, Musik- und Körperakrobaten brachte 260 Besucher zum Staunen.

In einer der schönsten Nummern des Abends balanciert, nein, tanzt die Finnin Ulla Tikka mit ihren roten High Heels über ein Seil und bewegt sich dabei graziler als unsereins mit Turnschuhen auf dem Boden. Dazu singt die Südafrikanerin Bella Nugent mit strahlender Stimme Emiliana Torrinis hypnotischen Popsong "Nothing Brings Me Down".

Die Mischung macht's in den zum Teil spektakulären Inszenierungen dieser acht Künstler, die in ihrer Performance nicht nur die Schwerkraft und andere physikalische Regeln aufheben, sondern auch mit Worten und Klängen jonglieren, ja, das gesamte Varieté, wie wir es kennen, auf den Kopf stellen. Dabei verstehen es die vier Frauen und vier Männer, ihr Publikum zu unterhalten und gleichzeitig unter Hochspannung zu setzen. Der Freiburger Regisseur Stefan Schönfeld kreiert mit seiner etwas anderen Zirkusshow eine Welt aus atemberaubender Artistik, schräger Livemusik und berückender Poesie.

Gleich zum Auftakt - nach einer vom Schlagzeuger Schroeder vorgetragenen Werkeinführung - lässt der Jongleur und Gitarrist Roman Müller seine halbierten Diabolos an unsichtbaren Fäden um sich kreisen, scheinbar mühelos die Schwerkraft negierend. Die Szene geht über in eine Performance der aus Montreal stammenden Marie-Eve Dicaire, die auf kleinen, weißen Plastikschalen balanciert - und zwar kopfüber auf den Händen. Wie aus Gummi verbiegt sie dabei den Körper, hüpft auf den Händen wie ein Frosch oder bleibt wie von Zauberhand geführt in der Luft stehen. Die Italienerin Claudi Franco lässt dagegen ein übergroßes Rhönrad um sich rotieren. Dazu vollführt sie halsbrecherische Salti und federleichte Flickflacks, sodass dem Publikum Hören und Sehen vergeht. Und am Ende des Auftritts lässt sie ihren menschengroßen Reifen zum immer schneller werdenden Rhythmus zu Boden gehen. Faszinierend!

Es wird aber nicht nur mit Rhönrädern, Äxten, Diabolos, Bällen, weißen Plastikschalen oder gewagten Rotationsapparaten jongliert, sondern auch mit Worten. Mit dunklem Frack, schwarzen Theo-Waigel-Augenbrauen und einer jungenhaften Designerbrille unter den zerzaust-staubigen Haaren betritt Marcus Jeroch die eigens für diese Aufführungen vergrößerte Bühne und beeindruckt das Publikum mit geistreichen Wort- und Silbenspielen.

Der Mann ist wandlungsfähig, tritt als clownesker und biegsamer Jongleur ebenso souverän in Erscheinung wie als Wortverdreher oder hypernervöser Poet. Seine Auftritte sind gespickt mit kompliziert lyrischen Wortspielereien, mit verdrehten Texten von Daniil Charms oder auch Ernst Jandl. Sätze, die manchmal so zerhackt sind und durch unterschiedliche Betonung einzelner Wörter völlig ihren Sinn verändern. Buchstaben verlieren ihre gewohnte Position im Wort oder Jeroch lässt sie einfach wegfallen. Und doch kapiert jeder, was gemeint ist.

Ein Wortjongleur, der nicht nur mit Worten umspringt ("Der Horizont bleibt nur stehen für den, der sich nicht bewegt"), sondern auch gleichzeitig mehrere Gegenstände durch die Luft fliegen lässt. Allen Darstellern ist gemein, dass sie ihre Körper nicht nur akrobatisch und anmutig bewegen können, sondern dabei auch Stimmungen und Emotionen einbinden. Die acht Künstler formen aus vielen Nummern ein Ganzes, dabei bleibt die Darbietung immer einzigartig. Das gilt auch uneingeschränkt für die Gesangseinlagen der blonden Dompteurin Bella Nugent, die im Verbund mit Kontrabassist Wolfgang Fernow, Drummer Schroeder und Gitarrist Roman Müller die Artistikvorführungen mit schräger Rockmusik und fabelhafter Stimme begleitet.

Nach 90 Minuten verabschiedet das Publikum die im Karlsruher Tollhaus uraufgeführte Co-Produktion von fünf Kulturzentren mit donnerndem Applaus. Zu Recht, denn trotz kleiner Patzer, die man gerne verzeiht, bot dieser Abend nicht nur durchweg Künstlerinnen und Künstler der Güteklasse A, sondern servierte die ineinander gehenden Nummern auch in bemerkenswerter Dichte.

Info "hyrrätytö" ist noch einmal heute, 20 Uhr, im franz.K zu sehen.