Reutlingen Urbildhafte Menschenwesen

Reutlingen / OTTO PAUL BURKHARDT 13.05.2014
Sie sind neu in der Stadt: Hoch aufragende Statuen, die wie stumme Menschengruppen wirken. Joannis Avramidis, seit gestern Ratgeb-Preisträger, zeigt Skulpturen im Freien und eine Ausstellung im Spendhaus.

Es sind Menschen aus Bronze, die da seit einigen Tagen die Stadt bevölkern. Stumme Körper, mit Füßen, Beinen und Köpfen. Archaisch wirken sie, aber auch seltsam utopisch. Wie stumme Zeugen aus einer anderen Zeit. Aus der klassischen griechischen Antike etwa. Oder aus einer noch vor uns liegenden, zukünftigen Welt.

Sie alle stammen von dem griechischen Bildhauer Joannis Avramidis. Der 91-jährige, in Wien lebende Künstler erhielt gestern von OB Barbara Bosch den renommierten, mit 20 000 Euro dotierten Jerg-Ratgeb-Preis. Die Laudatio hielt Dr. Michael Semff, der Leitende Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Avramidis ist der zehnte Träger des Ratgeb-Preises, der von der Reutlinger HAP-Grieshaber-Stiftung alle vier Jahre vergeben wird. Die Liste der bisherigen Preisträger, darunter Emil Schumacher, Walter Stöhrer und Lucian Freud, zeigt das mittlerweile erreichte Renommee dieser Auszeichnung.

Dass die Wahl 2014 auf Avramidis fiel, begründete die Jury unter Leitung von Prof. Ulrike Gauss "mit der seit Jahrzehnten konsequent realisierten . . . Formdisziplin seiner Figuren und Köpfe, in denen klassische Prinzipien der Bildhauerei verwandelt fortleben". Verbunden mit dem Preis ist eine Ausstellung im Spendhaus und eine temporäre Skulpturenschau in der Innenstadt (wir berichteten).

Wer will, kann diese Figurengruppen, wie sie jetzt etwa im Park vor der Stadthalle zu sehen sind, auch als Bürgerversammlungen interpretieren. Als Menschen, die gruppenweise zusammenkommen, um sich gemeinsam zu beraten. Und die im doppelten Sinne eben auch zusammenstehen. So gesehen, strahlen diese Figuren auch eine Art menschlicher Solidarität aus, humanen, demokratischen Bürgersinn. Auch thematisch setzt sich die Kunst von Joannis Avramidis mit dem öffentlichen Raum auseinander.

Die Titel zeigen in diese Richtung: Seine Skulptur "Polis" verweist, so OB Barbara Bosch, "auf die Gemeinschaft der verantwortungsbewussten Bürger". Und seit Jahren beschäftigt sich Avramidis auch mit dem Thema "Agora", dem altgriechischen Versammlungsplatz, dem antiken Mittelpunkt des Gemeinwesens. So betrachtet, sind seine Skulpturen "immer auch politische Metaphern", sagt Bosch. In ihrer stilisierten archaischen Aura korrespondieren Avramidis Menschengruppen im Bürgerpark mit der griechisch-antiken Tempelästhetik der Stadthalle, wie sie Architekt Max Dudler im Sinn hatte. Kunst im öffentlichen Raum - da hatte sich in Reutlingen seit den Landeskunstwochen 1991 so gut wie nichts mehr getan. So war es hohe Zeit, dass der Gemeinderat im Doppelhaushalt 100 000 Euro zumindest bereitstellen ließ - wieviel davon letztlich benötigt wird, ist freilich noch nicht ausgemacht. Jedenfalls, so Bosch, reagieren die Leute auf die Freiluft-Skulpturen von Joannis Avramidis in der City: "Ihre Werke sprechen die Menschen an, sie sind Stadtgespräch geworden."

Avramidis Figuren sind in den Formen abgeleitet von den natürlichen Proportionen des menschlichen Körpers, die freilich in den Stelen weitgehend abstrahiert wirken. Natur und Konstruktion finden hier eine eigentümliche Balance, so dass der Eindruck von "urbildhaften Menschenwesen" entsteht. Sie strahlen beides aus: eine fast sinnliche, physische Präsenz, aber auch eine kühle, typisierte Statuarik.

Technisch ist ein scheibenförmiger Aufbau erkennbar, die Aluminiumgerüste werden mit Kunstharz, Gips, Holz, aber auch Kupfer und Bronze ausgefüllt.

"Ich ging immer von den Beinen aus, da kenn ich mich am besten aus", so erläuterte Avramidis ein bisschen augenzwinkernd gestern im Spendhaus seine Figuren - mit Selbstironie und altersheiterem Understatement. "Je weiter hinauf es geht, desto schwächer wird es - erst beim Kopf bin ich wieder voll da!" Es gibt Plastiken von ihm, bei denen ein Bein in einen Kopf übergeht, aber auch andere mit zwei Standbeinen und zwei Köpfen - "weil das die Achse erzwingt".

Nein, "Monster" will er nicht "hinstellen", auch keine "Wolkenkratzer", wie sie heute immer höher in den Himmel schießen. So leben seine Säulenmenschen von einem grundlegenden Widerspruch. Einerseits vermitteln sie etwas "sehr Sinnliches", wie es Museumsleiter Herbert Eichhorn formuliert. Auf der anderen Seite, betont Avramidis, haben seine Skulpturen immer auch etwas mit der "Zusammengehörigkeit von Menschen" zu tun.

Betrachtet man den Lebenslauf des Künstlers, gezeichnet von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, geprägt von Verfolgung und Flucht, so wird die klassische, harmonische Ebenmäßigkeit seiner Figuren auch erkennbar als "Gegenentwurf", so Bosch: "zu den schmerzlichen Brüchen der eigenen Biografie und zu den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts."

Eine Jahrhundert-Biografie - Joannis Avramidis
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel