700 JAHRE Urach, wie es tönt und groovt

OTTO PAUL BURKHARDT 25.07.2016
Selbst vom Platzregen in der Pause ließ sich das Publikum nicht beirren. Die Stadtsymphonie wurde ein voller Erfolg: eine tolle Gemeinschaftsleistung!

Am Ende, nach gut zwei Stunden Wetter-Wechselbädern – zwischen Trockenheit, Tröpfeln und Starkregengüssen – hatte sich das Durchhalten gelohnt. Die Stadtsymphonie konnte in voller Länge und ungekürzt über die Bühne gehen. Klar, auf die klatschnassen Stühle wollte sich in der zweiten Hälfte kaum jemand mehr setzen, doch einige Hundert Zuschauer bewiesen Stehvermögen und lauschten dem Ereignis von überdachten Randplätzen aus.

Und es hat sich gelohnt, dieses Beharrungsvermögen. Die Stadtsymphonie von und mit Adrian Werum bot Musik für wohl jeden Geschmack: Da war alles drin – romantische Chöre, schmissige Rhythmen, hymnische Melodien. „Wie klingt Urach?“ hieß das viersätzige Werk des 46-jährigen Musik-Allrounders. Im Verlauf von fast zwei Stunden erfuhr das Publikum die Antwort – und die lautet: bunt. Kunterbunt sogar. Kurzum, die Stadtsymphonie zeigte Urach, wie es singt und klingt, tönt und trommelt, swingt und schwelgt, rappt und groovt.

Doch eins nach dem andern. Mit der Wetterprognose hatte es gar nicht gut ausgesehen. Gegen 18 Uhr von uns angefragt, verkündete Kulturreferent Thomas Braun: „Wir ziehen das jetzt durch!“ Eine gewagte Entscheidung. Denn eine Viertelstunde später prasselte es zwischen Reutlingen und Metzingen derart heftig vom Himmel, dass die Autos auf der Schnellstraße sich nur noch im Schneckentempo mit Warnblinkanlage fortzubewegen wagten. In Bad Urach auf dem Marktplatz dagegen war’s fast trocken. Elmar Rebmann, der Bürgermeister, versprach: „Es soll besser werden“. Und Thomas Braun stellte dem Publikum erstmal Adrian Werum vor, den Komponisten und Dirigenten der Stadtsymphonie. Der gilt als stilistisch vielseitig, er hat das Musical „Tanz der Vampire“ geleitet und schon mit Branchenstars wie Rolando Villazón gearbeitet. Derzeit, erzählte er, habe er gerade „eine Operette in Russland und eine Punk-Oper in der Schweiz am Laufen“, zudem arrangiert er die Songs des Klassik-Pop-Duos Marshall & Alexander.

Kurzum, Adrian Werum ist einer, der Musik für alle macht – und genau das zeichnet auch seine Stadtsymphonie aus, die zu einem der Höhepunkte der 700-Jahr-Feierlichkeiten wurde. Bereits im ersten Satz, eingeleitet von einem Aufmarsch-Prolog des Fanfarenzugs vor der Bühne, lässt Werum Musikverein, Beatstompers und Sängerkranz eine ohrwurmverdächtige Melodie anstimmen, die in schwungvollem Sechs-Achtel-Takt dahinfließt, je nachdem, tänzerisch schwebend, im Schlagwerk variiert und dann wieder hymnisch verdichtet mit effektvollem Schluss.

Zwischen den Sätzen enterten Jugendliche aus dem Jugendhaus die Bühne und zeigten, was sie so draufhaben. Eine Sängerin intonierte da, begleitet von einer schmissigen Band um Werum, eine bluesig eingefärbte Liebeserklärung an Bad Urach („trotz des Regens kommt von euch Sonnenschein“). Und ihre Rapper-Kollegen setzten noch eine Lobeshymne auf die multikulturelle Offenheit der Stadt drauf („die besten, die allerbesten Leute“) – als funkige Freestyle-Session.

Im zweiten Satz – mit dem Musikschul-, dem Akkordeonorchester, den Posaunenchören Sirchingen und Bad Urach – ging es dann ruhiger zu: ein filmmusikreifes Hauptmotiv erklingt da mit bewegter Triolenbegleitung, die so ein bisschen an den Wasserfall denken lässt. Trompete, Posaunen, Streicherglanz – das Ganze verströmt einen mitreißenden Breitleinwand-Sound à la Hollywood. Eigentlich hatte Werum für den dritten Satz Ringelnatz-Gedichte eingeplant. Doch die Mitwirkenden, darunter Kinder und Lehrer der Geschwister-Scholl-Realschule, wollten lieber eigene, aktuelle Texte, die ihren Alltag spiegeln – und das nicht nur einseitig in rosigsten Farben. „Morgens müd zur Schule rennen, mittags auf dem Sofa pennen, Hausis machen, YouTube schauen und auch mal den Bruder hauen“, heißt es da, mit großem Augenzwinkern, versteht sich. Heraus kommt ein dichtes, rhythmisches Selbstporträt, das durch den Einsatz von Didgeridoos noch eine ganz besondere Klangfarbe erhält.

Vollends romantisch wird’s dann im Finale. Da hat Werum, wie berichtet, ein Gedicht des Politikers Johannes R. Becher vertont, der in den 20er Jahren ein leidenschaftlicher Urach-Sommerfrischler war. Werum hat diesen naturpoetischen Text, der fast Eichendorffschen Zauber ausstrahlt, denn auch so in Musik umgesetzt, dass man sich in Webers „Freischütz“ oder Wagners „Tannhäuser“ versetzt fühlt. Auch hier zeigt sich Werums Fähigkeit, sozusagen polystilistisch eine unmittelbar verständliche und dennoch anspruchsvolle Musik zu komponieren. Und den spiel- und singfreudig Mitwirkenden gelang ein großes, sich mächtig steigerndes Finale: mit schmetternden Trompeten, sehr kraftvoll, sehr hymnisch.

Alle Wetter: Auch wenn die äußeren Bedingungen nicht gerade charmant waren, ein bisschen von der Aufbruchstimmung des Becher-Textes – „die Zeit hat erst begonnen“ – dürfte auch aufs Publikum übergesprungen sein. Und Adrian Werum gehört zu jenen Komponisten, die mit einer zeitgemäßen Musiksprache, die Pop- und Rock-Elemente integiert, auch ein größeres Publikum begeistern können. Er hat zudem in dieser Stadtsymphonie auch Ideen der Mitwirkenden aufgegriffen.

Und vor allem hat er es geschafft, dass Menschen von hier und aus anderen Kulturen gemeinsam an einem Strang ziehen, ihre Vielfalt in die Musik einbringen und sich in einer Melodie, in einem Rhythmus wiederfinden können. Musik verbindet. Zumindest für die Dauer der Stadtsymphonie.

Musizieren im Regen: Stadtsymphonie feiert Premiere