Reutlingen/Berlin Unwirkliche Schattenwelten

Reutlingen/Berlin / JÜRGEN SPIESS 30.12.2013
Eine spektakuläre Reise in die Welt der Schatten: Die US-Tanzgruppe Pilobolus zeigt ihre Show "Shadowland" in der Stadthalle Reutlingen. Wir waren im Vorfeld bei der Deutschland-Premiere in Berlin dabei.

Seit vier Jahren erobert das zwölfköpfige Ensemble mit der Schatten-Performance "Shadowland" weltweit die Herzen des Publikums. Am 2. Januar, 15 und 20 Uhr, setzt die Erfolgsshow ihre Deutschland-Tournee in Reutlingen fort.

Schatten-Performance? Die 29-Jährige Lauren Yalango ist Teil und Hauptdarstellerin einer Show, in der Schattenfiguren die Hauptrolle spielen, in der eine märchenhafte Geschichte erzählt wird. Und die braucht nicht mehr als eine Leinwand, Rahmen, die Räume erzeugen, einige Scheinwerfer, ein paar Kulissen und die Körper der Darsteller. Durch Bewegungen hinter der transparenten Leinwand entsteht die perfekte Illusion und fantastische Bilder jenseits des Schwerpunkts - ohne, dass auf der Bühne ein einziges Wort gesprochen wird.

Alles begann mit einem Auto. Als im Jahr 2006 ein japanischer Kleinwagen-Hersteller bei der amerikanischen Tanztheater-Kompanie Pilobolus anfragte, ob sie ein Automobil darstellen könnten, ohne dass ein Auto gezeigt wird, sagte Artistic Director und Gründer Michael Tracy einfach mal spontan ja - ohne über die mögliche Umsetzung nachzudenken. Einige Monate später entstand daraus der legendäre Werbespot für Hyundai, der nicht nur um die Welt ging, sondern den Beginn der ersten Schattenarbeit des seit 40 Jahren bestehenden Pilobolus Dance Theatre markierte.

Danach ging es Schlag auf Schlag: 2007 hatte die Tanzkompanie einen spektakulären Auftritt bei der Oscar-Verleihung. Dann wollte auch Ford ein Auto aus Fleisch und Blut - und schließlich entwickelte sich aus der traditionellen Form des Schattenspiels eine neue Mischung aus Tanz, Akrobatik, Performance und Schattentheater, alles in poetisch ineinander fließenden Bildern und einem abendfüllenden Plot präsentiert. Zusammen mit Steven Banks, dem Hauptautor der Kultserie "Sponge Bob" und dem populären US-Musiker, Produzent und Filmkomponist David Poe kreierte Michael Tracy eine 90-Minuten-Show, bei der sich Menschen hinter einer Leinwand zu Riesen und Zwergen, zu Tieren, Treppen, Gebäuden und bedrohlichen Monstern verwandeln.

Das Bezwingende an Shadowland sind die wechselnden Dimensionen, das Verschmelzen von Menschenknäueln, die sich zu Fantasiegebilden zusammenfügen und Sekunden später wieder zerfallen. Ständig werden große und kleine Leinwände herumgetragen, hinter denen sich die Künstler in eine aufgehende Blüte, in einen VW-Bus mitsamt Insassen und Scheibenwischern, in einen Elefanten oder in ein 15-jähriges Mädchen mit Hundekopf verwandeln.

Und um diesen Teenager an der Schwelle des Erwachsenwerdens, gespielt von Lauren Yalango, dreht sich die Geschichte von "Shadowland". In ihren Träumen begibt sich das Mädchen auf eine fantastische Abenteuerreise in die Schattenwelt und begegnet dabei Kreaturen, die es selten gut mit ihr meinen: Kannibalische Köche jagen sie, um sie in einem großen Topf zu kochen.

Mit einem windigen Asphalt-Cowboy reist sie durchs Land, wird fast von einer bedrohlichen Kreatur zermalmt und schließlich auch noch von einer riesigen Hand in ein Mädchen mit Hundekopf verwandelt. Sie erlebt, wie es ist, anders als alle anderen zu sein, nicht akzeptiert zu werden, den Ansprüchen, die andere an sie stellen nicht gerecht zu werden. Und doch: Am Ende findet sie zu sich selbst, die Perspektiven und Größenverhältnisse werden wieder zurecht gerückt.

Bei den Proben, die die Gruppe auch an Aufführungstagen täglich ab 13 Uhr absolviert, bekommt man einen Eindruck, welche Arbeit hinter dem so kindlich wirkenden Spiel steckt. Bewegungsabläufe müssen minutiös einstudiert, Perspektiven und Abstände genau eingehalten werden.

"Es ist jeden Abend eine neue Herausforderung", sagt Lauren Yalango, "alle Positionen, die wir einnehmen, sind genau festgelegt, jeder Finger, jeder Winkel des Kopfes und des Lichts muss beachtet werden." Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Zweidimensionalität, Räumlichkeit und Illusion.

Fest steht: "Shadowland" wird Reutlingen auf den Kopf - oder besser in den Schatten - stellen. Denn am Ende der Show wartet die Gruppe einmal mehr mit einer faustdicken Überraschung auf. Doch die soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden.

Info Die US-Show "Shadowland" ist am Donnerstag, 2. Januar, zwei Mal in der Stadthalle Reutlingen zu Gast: 15 und 20 Uhr. Karten gibt es bei unseren SÜDWEST PRESSE-Geschäftsstellen in Reutlingen, Albstraße 4, und Metzingen, Hindenburgstraße 6, zudem auf www. reservix.de.

Gespräch mit der "Shadowland"-Hauptdarstellerin Lauren Yalango: Die "Oma der Truppe" spielt ein 15-jähriges Mädchen
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