Lange schon war die Unterführung am Westbahnhof für viele ein Ort des Grauens. Dunkel, dreckig und einfach unfreundlich, lud sie nicht gerade zum Durchqueren ein, obwohl viele Jungen und Mädchen sie nutzen müssen, um zu ihren Schulen zu gelangen. Jüngst nun wurde der Vorplatz an der Tübinger Straße rundum erneuert und damit auch ein Startschuss für etwa 70 Kinder und Jugendliche gegeben, die in einer großen, viertägigen Mal-Aktion die Wände und Aufgänge künstlerisch gänzlich für sich einnahmen. Ins Leben gerufen hatte die Aktion das Projekt Soziale Stadt, das sich für Belange besonders in Stadtteilen mit Entwicklungsbedarf einsetzt.

"Es ist eine große Genugtuung zu sehen, was nun entstanden ist", freut sich Matze Jung. Er gehört zu dem dreiköpfigen Künstlerteam thegoodhand (www.thegoodhand.net), das gemeinsam mit den Schülern einer zehnten Klasse des BZN, eine achte Klasse der Eichendorff-Realschule sowie Teilnehmer des Jugendtreffs Westside an der Ecke Benz-/Kurrerstraße mit Lehrern und Pädagogen die Bilder in einer Einführungswoche vorab entworfen hat.

Die passionierten Graffiti-Sprüher, studierten Grafiker und Kunststudenten aus dem Raum Stuttgart freuten sich über den Spaß und den Idealismus, den die Kinder und Jugendlichen zwischen sieben und 16 Jahren mitbrachten. Mit Begeisterung machten sie sich zunächst an die Motivplanung. Es gab keinerlei Vorgaben, hier waren schöne Ideen gefragt, wurden Skizzen entworfen und auch verworfen, bis alles passte, natürlich mit den professionellen Tipps von Matze und Simon Jung sowie Paul Schweizer.

Am vergangenen Wochenende wurde dann endlich zur Farbe gegriffen und so manche Hemmschwelle vor dem Malen abgebaut. "Es sind richtig gute Talente dabei", lobte Simon Jung.

Fröhliche Farben, lustige Bilder und immer wieder etwas Neues zum Anschauen erwartet jetzt die Passanten. "Es macht großen Spaß auf eine so große Wand zu malen", sagt der 16-jährige Marius, der sich gemeinsam mit seinem Klassenkameraden Jens und Cindy mit einem telefonierenden Chamäleon verewigt hat. Außerdem werde er nun häufiger hier vorbeikommen, um sein Bild anzuschauen. Chris wiederum legt noch letzte Hand an seinem durch die Wand brechenden VW-Bus an, der sehr plastisch den Weg in die Unterführung sucht.

An anderer Stelle träumt beispielsweise ein Mädchen von einem Hochhaus, das von der eigenen Geburtstagstorte schleckt. Darauf tummeln sich Ameisen, die wiederum von einem Ameisenbär verschlungen werden. Woanders sitzen die Schüler in der Klasse und träumen von schönen Freizeitbeschäftigungen, eine Schnecke trägt träge die gesamte Welt als Haus umher oder junge Streetdancer tanzen zur Technomusik.

Und daneben prangen immer wieder Sinnsprüche in Graffiti wie "Wir machen uns die Welt wie sie uns gefällt" oder "Reutlingen bleibt bunt" im fröhlichen Flower-Power-Stil. Neben den fiktiven Motiven tummeln sich aber auch klassische Reutlinger Ansichten wie Pomologie, Tübinger Tor und das Reutlinger Rathaus in wilden Farben.