Eningen Unter Fatimas Augen

Events mit Lifestyle im Herzen des Arbachtals. Die Eninger Özlem und Murat Hosgör stellen sich in der ehemaligen WaGo-Kantine auch ihrer sozialen Verantwortung.
Events mit Lifestyle im Herzen des Arbachtals. Die Eninger Özlem und Murat Hosgör stellen sich in der ehemaligen WaGo-Kantine auch ihrer sozialen Verantwortung. © Foto: Privat
Eningen / ANGELA STEIDLE 14.04.2015
Im Herzen des Arbachtals verwirklichen Özlem und Murat Hosgör ihre Vorstellung von schwäbischer Verantwortung und südländischer Dienstbarkeit: Das Konzept der ehemaligen WaGo-Kantine geht auf.

Was für eine Location: Vom Treppenabsatz fließt der Saal in zwei Richtungen ins Licht. Vor den tief verglasten Fenstern ein tiefgrüner Rasen so groß wie ein Fußballfeld. Eine fest installierte Bühne mit Soundanlage, Lichttechnik und Monitoren. Im Kern ein verglaster Nebenraum wie ein Kristall-Cocon. Die ehemalige Kantine des Wandel & Goltermann-Konzerns im Eninger Industriegebiet Arbachtal strahlt Souveränität und Größe aus. Der schwäbische Weltkonzern für Mess- und Kommunikationstechnik hatte in Spitzenzeiten bis zu 1600 Mitarbeiter. Und das hier ist "nur" die ehemalige Kantine. Bespielt von Nazar-Eventhouse. "Nazar" ist das arabische Wort für ein Glasamulett in der Form von "Fatimas Auge".

Gegründet wurde WaGo im Jahr 1923 von Wolfram Wandel und Ulrich Goltermann als kleines Elektrogeschäft in der Gartenstraße in Reutlingen. Was heute vom ehemaligen Weltkonzern übrig ist, nennt sich JDSU, sitzt auf der gegenüberliegenden Straßenseite und hat amerikanische Wurzeln. Im Bürokomplex "H3" über dem Kantinen-Flachbau residiert nationenübergreifend die Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. In direkter Nachbarschaft: Kindergarten, Bauhof, solides Handwerk und prosperierende Hightech-Unternehmen. Ein Familienhotel, das seit der Eröffnung vom ersten Tag an ausgebucht ist und jetzt schon an Erweiterung denkt. Im ehemaligen Verwaltungstrakt von WaGo wird seit Wochen kernsaniert: "Alles muss raus." In das Skelett wird das Budget-Hotel einer Göppinger Kette eingepasst, mit hundert Apartments für Businesskunden. Der ehemals prominente Standort am Fuß der Achalm hat vieles hinter sich. Die Restrukturierung der alten Industriebrache, sagen Wirtschaft und Politik, sei in der Region eine der erfolgreichsten überhaupt.

Özlem und Murat Hosgör sind ein selbstbewusster Teil dieser Erfolgsgeschichte. Sie hatten dieses "Wow-Gefühl" beim Betreten der WaGo-Kantine vor vier Jahren, auf dem Sprung in einen ungewissen Traum: Events der Extraklasse zu veranstalten mit dem Flair offenherziger südländischer Gastfreundschaft. Beide haben ihre Wurzeln in einer Kultur, die ihre Arbeitskraft in den deutschen Wirtschaftsboom der 60er Jahre investierte. Beide schätzen ihre türkischen Wurzeln und fühlen sich gleichzeitig als waschechte Eninger - in der zweiten Generation. Unter dem "Auge Fatimas" spinnen sie tausend und eine Idee um ihr unternehmerisches Konzept und ihr Juwel am Arbach. Die ehemalige WaGo-Kantine war und ist Kristallisationspunkt des Industriegebiets.

"Eventhouse" und "La Cantina"-Geschäftsführer Murat Hosgör ist gelernter Kraftfahrzeug-Mechaniker und Karosseriebauer. Für das Angebot, im Gemeinschaftsprojekt mit seiner Frau Özlem Verantwortung zu übernehmen, hat er seine Werkstatt in Betzingen aufgegeben. Auf so genannte Migrations-Klischees gibt der Geschäftsmann keine zwei Cent: "Viele haben uns nicht mal ein Jahr gegeben. Jetzt sind es vier - und wir machen den Job immer noch mit Leidenschaft."

"Sportlich-korrekt" setzt der Diplom-Fitnesstrainer mit "sozialer Verantwortung" gleich: Kooperationen auf Augenhöhe mit den benachbarten Unternehmen sind ihm wichtig. Er sieht sich als deren Dienstleister: "Für die Infrastruktur ist wichtig, dass der Standort bleibt. Die Kantine ist offen für alle." Hussenzählen bei einem Firmen- oder Familienevent von bis zu 650 Gästen - fängt er erst gar nicht an: "Wir wollen fair bleiben. Bei Südländern ist der Service einfach dabei. Das Modell gefällt vielen. Wir haben uns damit gut positioniert." Eventmanager Murat Hosgör kann sich vom Gartenfest über die Hausmesse bis zum Galadinner im Nazar-Eventhouse vieles vorstellen. "Eine Trauung unter freiem Himmel - in Neuffen geht's". Eningen "am Tunnel zur Welt" müsste sich da nur ein bisschen bewegen.

Özlem Hosgör, Verwaltungsfachangestellte bei der Reutlinger Stadtkämmerei, brennt für die Idee, in der besonderen Location vor den Toren der Stadt eine Art Club für Unternehmen mit internationalem Hintergrund zu installieren: "Wir haben über JDSU sehr viele amerikanische Gäste. Dazu die Kontakte aus vielen Firmenveranstaltungen, den Event-Hintergrund und eine eigenes Netzwerk an internationalen Firmen. Eine Kommunikations-Plattform aus allem würde den Marktplatz Reutlingen beflügeln."

Für die Mutter zweier Kinder ist das alles andere als ein Hirngespinst. Sie hat sich in Reutlingen über Jahre zusammen mit Sultan Braun, dem Amt für Migrationsfragen und im Projekt "Hand in Hand" für eine moderne Weltsicht engagiert: "Ich bin der Ansicht, dass für eine gelungene Integration zu 90 Prozent die eigene Einstellung verantwortlich ist. Dazu gehört, sich persönlich weiter zu entwickeln, der Mut zu mehr Eigenständigkeit und die Chancen, die sich bieten, wahrzunehmen."

Zwischen Kantinenbetrieb, zwischen Personalverantwortung, Geschäfts- und Behördenkontakten, Aperitif und Häppchen schafft sie das mit strahlender Lebensfreude und strikt organisierter südländischer Power.

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