Reutlingen Unsicherheit, Misstrauen und Angst

Reutlingen / ANNE LAASS 26.07.2016
Unsicherheit, Misstrauen und Angst: Diese Gefühle herrschen nach der Gewalttat am Sonntagnachmittag vor.

Alles wirkt normal. Viele Menschen drängen sich in der Reutlinger Fußgängerzone aneinander vorbei. Eine Gruppe junger Menschen läuft die Karlstraße entlang, ihr Thema ist jedoch nicht normal: „Hier haben sie ihn gefasst“, sagt einer von ihnen, und zeigt auf die gegenüber liegende Straßenseite. Sie sind in der Umfrage unserer Zeitung nicht die einzigen Passanten, die einen Tag nach der Gewalttat über die Ereignisse sprechen. Ganz unterschiedlich fallen die Ansichten aus, sie reichen von Angst bis hin zu Misstrauen und Fassungslosigikeit.

Metin Demirezen ist persönlich betroffen. Bei der Gewalttat am Sonntagnachmittag wurde sein Neffe im Gesicht schwer verletzt. „Er musste operiert werden“, erzählt Metin Demirezen und kritisiert den 21-jährigen Tatverdächtigen stark. Dieser sei einfach auf unschuldige Menschen losgegangen, ohne Grund. Das sei absolut unverständlich, sagt Demirezen.

„Jedes Mal, wenn man einen Krankenwagen oder die Polizei hört, fragt man sich: Was ist jetzt passiert?“, umschreibt Siegfried Banzhaf seine Gedanken. Sein Blick fällt dabei immer wieder auf die Stelle, an der Menschen Blumen und Kerzen für das Opfer niedergelegt haben. Der Weg durch die Innenstadt war für ihn anders als gewöhnlich. „Man kann den Menschen nicht in die Köpfe gucken“, erklärt er weiter. Die Unsicherheit und allen voran das Misstrauen gegenüber anderen Menschen haben sich eingeschlichen. Nach dem Attentat in München hat Siegfried Banzhaf die Gewalttat in Reutlingen erschreckt. Für ihn trägt vor allem Merkels Politik der offenen Türen zu diesem Verbrechen bei. Vielleicht hätte eine Überprüfung des Verdächtigen diese Tat verhindert.

Anders sieht es Guiseppe Bolettieri. Der 22-Jährige, am Sonntagnachmittag in der Innenstadt unterwegs, schildert, wie sich eine große Menschenmasse um den Unfallort gebildet hatte. „Es waren sicher rund 500 Menschen“, erzählt Bolettieri. Über soziale Netzwerke erfuhr er von der Gräueltat und wie der Angreifer von einem BMW-Fahrer gestoppt wurde. Für den 22-Jährigen hat sich jedoch nichts verändert. Er fühle sich in Reutlingen nach wie vor sicher.

Igor Ridjan, Inhaber eines Sportgeschäfts in Tatort-Nähe,  pflichtet ihm bei. Es sei bereits früher in diesem Viertel zu Gewalttaten gekommen. Für ihn ist ein Beziehungsstreit, der eskalierte und ein tragisches Ende genommen hat. Strengere Sicherheitsvorkehrungen wird es in seinem Geschäft nicht geben. „Ich will es nicht verharmlosen“, so der Geschäftsinhaber. „Jeder macht sich Gedanken.“ Er ist zudem gespannt, wie es mit dem Autofahrer, der den Verdächtigen angefahren hat, weitergeht.

Einen etwas anderen Blickwinkel hat Hugo Drachler. Der ehemalige Rektor der Hermann-Kurz-Schule fühlt sich nach dem Gewaltverbrechen nicht unsicher oder eingeschränkt. „Es hat keinen Einfluss auf die Sicherheitslage der Stadt“, sagt Drachler. Viel eher ist es „bestürzend, dass so etwas hier passiert und eine Frau zu Tode kommt“, erklärt der Reutlinger weiter. Kulturelle Unterschiede macht er für die Tat nicht verantwortlich. Es sei ein emotional aufgeladener junger Mann gewesen.

„Ich bin entsetzt“, beschreibt Yasar Avci seine Gedanken zum Verbrechen. Noch vor wenigen Tagen wäre er nicht auf die Idee gekommen, dass so etwas in Reutlingen passiert. „Ich hatte Angst um meine Familie und Freunde“, so der 34-Jährige. Er selbst wurde telefonisch über die Attacke informiert. Zu seinem engsten Freundeskreis gehört der BMW-Fahrer, der den 21-jährigen Angreifer stoppte. „Wie krank muss jemand sein, um eine solche Tat zu begehen“, fragt Yasar Avci. „Es kotzt mich ass es immer Moslems sind“. kritisiert er. Der 34-jährige Immobilienmakler merkt an, dass nicht alle Menschen gleich sind, solche Verbrechen aber schnell ein Schubladendenken hervorrufen. So sei nicht jeder Moslem ein Terrorist und nicht jeder Deutsche ein Nazi.

Mit gemischten Gefühlen ist Julia Bozic nach Reutlingen gereist. Die Nachrichten über die Tat haben sie entsetzt. Sicher fühle sie sich trotz allem: „Übeltäter gibt es überall“, sagt die 29-Jährige.

„Zum Glück habe ich das noch nie erlebt“, beschreibt Steffi Moll ihre Gefühle. Die Verkäuferin hat sich in Reutlingen immer sicherer gefühlt, als in einer Großstadt.