Wenn seine kleinen Besucher das Sonne-Mond-Erde-Modell eine Weile lang angeschaut haben, dann sieht man ihnen förmlich an, wie sie die Zusammenhänge begreifen. Dann hören selbst die sonst so wilden Jungs gebannt zu, dann leuchten ihre Augen, dann stellen sie wissbegierige Fragen. „Dieser Moment ist fantastisch“, sagt Lothar Brankatschk. Wenn seine kleinen Besucher verstehen, wie die Sonnen- und wie die Mondfinsternis entsteht, dann weiß er, dass er alles richtig gemacht hat. Dass er die unvorstellbaren Dimensionen unserer Galaxie so erklärt hat, dass sie wenigstens ein bisschen vorstellbarer geworden sind.

Lothar Brankatschk ist 59 Jahre alt. Seit 1976, also seit nunmehr 42 Jahren, führt er große und kleine Besucher durch die Reutlinger Sternwarte. Schon als kleines Kind haben ihn Sterne fasziniert, sagt er. Wissbegierig studierte er damals die zwei Sternkarten im alten Diercke-Weltatlas. Als er 17 Jahre alt war, ging er zur Reutlinger Sternwarte. Eigentlich wollte er damals nur privat ein bisschen die Sterne beobachten, erinnert er sich. Das durfte man aber nur, wenn man auch Führungen gab. Also wurde Lothar Brankatschk eben ehrenamtlicher Führer in der Sternwarte.

Seine Führungen beginnt er meist im Planetarium. Dort setzt er sich hinter sein Schaltpult und ist für 30 bis 45 Minuten der Sternen-DJ. Am Schaltpult kann er Sterne, Wolken, Galaxien, Sternhaufen und Planeten beliebig ein- und ausschalten. Die Besucher sitzen dann im Kreis und starren gebannt auf den Himmel über sich. Mit einem Laserpointer zeigt Brankatschk den Großen Wagen, „das bekannteste Sternbild“. In der Verlängerung zur Wagenachse – der Laserpointer wandert – findet man den Polarstern. Und der wiederum ist in der Wagenachse des Kleinen Wagens. Astronomie kann so einfach sein, wenn Brankatschk geduldig erklärt.

Meistens sind die Zuhörer gebannt, sagt er. In seinen 42 Führungsjahren habe er nur ein einziges Mal richtig laut werden müssen, als eine Gruppe naseweiser Zwölfjähriger im Planetarium Trubel veranstaltete. Dann habe er das Licht angeschaltet und die Sternenstimmung war schlagartig vorbei. „Also mir schläft hier keiner ein“, sagt der 59-Jährige und lacht.

Vom Planetarium geht es dann in den Vortragsraum, in den Danzer-Saal. Dort stehen das Tellurium und der Omni-Globe. Beim Tellurium, dem Sonne-Mond-Erde-Modell, treten meist die Aha-Effekte ein, die Brankatschk so sehr liebt. An diesem Modell kann er Sonne, Mond und Erde so zurechtkurbeln, dass allerlei Mondphasen und Finsternisse entstehen. Die Kinder sehen dann, welcher Planet in welcher Konstellation Schatten wirft oder verdeckt ist – unter welchen Voraussetzungen also Finsternisse entstehen. Auf den Omni-Globe, einen großen, unbedruckten Globus, kann Brankatschk allerlei Oberflächen mit größeren und kleineren Seen und Kratern projizieren: Erde, Mond, Mars, und viele mehr.

Die Führungen dauern meistens 60 Minuten. Wenn die Teilnehmer besonders wissbegierig sind aber auch gerne mal 90 Minuten. Wenn das Wetter mitmacht, enden sie auf dem Dach der Sternwarte, in den beiden Kuppeln. In der einen Kuppel steht das „Arbeitstier“, wie sie in der Sternwarte sagen: ein 50 Jahre altes Linsenfernrohr. Man verspürt eine gewisse Nostalgie, wenn man hindurch schaut und die Kraterlandschaft des Mondes betrachtet. So müssen sich die Astronomen in vergangenen Jahrhunderten gefühlt haben.

380 000 Kilometer ist der Mond von der Erde entfernt. Das war es dann aber auch schon mit den Tausender-Zahlen. Der Mars ist „im günstigsten Fall 60 Millionen Kilometer entfernt, im ungünstigsten 200 Millionen“, erklärt Brankatschk. „Und die Sonne ist 150 Millionen Kilometer entfernt.“ Wie macht man eine solche Entfernung für zehnjährige Kinder einigermaßen greifbar? Brankatschk greift gerne auf den „Taschenlampen-Trick“ zurück. Er sagt: „Wenn der Strahl einer Taschenlampe zum Mond eine Sekunde braucht, dann braucht er zur Sonne schon acht Minuten.“ Ganz könne aber selbst er diese Dimensionen nicht begreifen.

Die zweite Kuppel auf dem Dach der Sternwarte ist aus dem Jahr 2010. Das Teleskop ermöglicht viel stärkere Vergrößerungen – aber es sieht schon so hochtechnisiert aus, dass sich die Nostalgie hier nicht mehr unbedingt einstellen mag. Am liebsten zeigt Brankatschk seinen Besuchern den Mond. Der ist mit seinen großen Kratern einfach so schön anzuschauen, sagt er.

Auch den Saturn mag er. Einmal habe ihn ein Besucher beim Betrachten des bekannten Planeten gefragt: „Ist das echt oder habt Ihr da ein Dia reingemacht?“ So schön plastisch würden die Ringe durch das Teleskop aussehen, sagt Brankatschk. Auch den Jupiter nimmt er gerne als Vorführobjekt: Die vielen großen und kleinen Monde, die diesen Planeten umkreisen, seien auch herrlich zu beobachten.

Eigentlich hat Brankatschk hauptberuflich gar nichts mit Astronomie am Hut. Er arbeitet bei einem Automobilzulieferer. Wenn er nicht arbeitet und mal keine Führungen leitet, dann packt er sein privates Fernrohr ein und fährt am liebsten auf die Alb, beispielsweise nach Sonnenbühl. Dort kann man herrlich Sterne beobachten, sagt er, viel besser noch als in Reutlingen. Dort herrsche nämlich ein, wie er es nennt, „massives Lichtverschmutzungsproblem“. Heißt im Klartext: Die Stadt ist zu hell für das ultimative Sternenschau-Erlebnis.

Brankatschk hat drei erwachsene Kinder. In ihnen konnte er keine so große Begeisterung für die Astronomie wecken, wie in seinen kleinen Besuchern, sagt er. Es ist eine Begeisterung, die ewig zu bleiben scheint, ist sie erst entfacht: Viele seiner Kollegen sind auch schon jahrzehntelang Führer in der Sternwarte. Wenn Brankatschk ein Haus verlässt und ins Freie tritt, dann richtet sich sein Blick automatisch nach oben. Er muss schließlich sehen, wie der Sternenhimmel im Moment aussieht.