Reutlingen Und sie bewegt sich doch

Poesie im Planetarium: "Sternsüchtig" heißt die neue Reihe des Tonne-Theaters in der Sternwarte. Foto: Kathrin Kipp
Poesie im Planetarium: "Sternsüchtig" heißt die neue Reihe des Tonne-Theaters in der Sternwarte. Foto: Kathrin Kipp
Reutlingen / KATHRIN KIPP 19.12.2012
"Das Leben kommt aus dem Weltall. Die Frage nach den Aliens ist also beantwortet: Wir sinds!" Die Tonne ging mit Außerirdischen auf literarisch-musikalisch-astronomische Reise - durch die Sternwarte.

Leben gibt"s nur, wo"s auch Wasser gibt. Wasser wiederum war nicht von Anfang an auf der Erde, erklärt Heinz Lenhart von der Sternwarte, sondern kam aus dem Weltraum. Und zwar in Form von "schmutzigen Schneebällen", die auch heute noch fröhlich "durchs All vagabundieren". Und bei entsprechender Beleuchtung einen Schweif hinter sich herziehen.

Nächstes Jahr komme wieder einer vorbei, freut sich Lenhart: Man könne ihn mit bloßem Auge erkennen. Jedenfalls befinden sich in diesen Eisblöcken die "Bausteine von Leben", die so vor zigmillionen Jahren auch auf die Erde purzelten.

"Wir kommen also aus dem All", und sind somit die eigentlichen Aliens, scherzt Lenhart beim Sternwarten-Tonne-Event, bei dem alle "Sternsüchtigen" in der neuen Kuppel durch die lichtstarken Teleskope linsen dürfen zwecks Horizonterweiterung in verschiedenen Disziplinen.

Im Fernrohr ist der beliebte Jupiter zu sehen mit seiner irren Oberfläche. Beeindruckende Optik. Galileo wiederum hat schon im 17. Jahrhundert die Jupitermonde entdeckt. Nur konnte er nicht allzu offen darüber reden, die Kirche war zu dieser Zeit weltbildmäßig sehr reizbar: "Einmal den falschen Satz gesagt - schon landete man auf einem Meter Holz", erklärt Lenhart, der durchaus auch als Weltall-Kabarettist durchgehen könnte.

Aber das Universum kennt keinen Spaß. Ohne Jupiter und Erd-Mond "gäbe es uns gar nicht". Der Jupiter dient uns als Schutzschild vor allzuviel Meteor-Beschuss. Den es wiederum von Zeit zu Zeit (so alle 100 Millionen Jahre) braucht, um durch konsequente Artenauslöschung die Evolution voranzubringen. Der Mond wiederum sorgte mit Ebbe und Flut für den Landgang der Lebewesen.

Was ihm passiert ist, ist auch der Erde passiert. Nur ist da schon längst Gras drüber gewachsen. Alle diese besonderen Bedingungen auf der Erde, der perfekte Abstand zur Sonne, das perfekte Schutzschild, der perfekte Trabant, diese hohe Anzahl an Zufälligkeiten verringert laut Lenhart die Wahrscheinlichkeit von Leben anderswo im Weltall.

Was man also lange vermutet hat, stimmt tatsächlich: Der Mensch ist einzigartig. Aber das ist natürlich noch lange kein Anlass zu Selbstüberhöhung. Schließlich ist er nur klitzeklitzeklein im Verhältnis zum Weltall. Und so macht der Blick in den Nachthimmel den Menschen nicht nur wissenschaftlich und philosophisch, sondern auch sentimental und poetisch.

Für Poesie und Gefühl sind die Schauspielerin Jördis Johannson und der Experimentalmusiker Christian Dähn zuständig. Schon im - verglichen mit der Milchstraße eher prosaischen - Treppenhaus der Steinbeisschule singen, klingen und rezitieren die beiden Nachtwandler. Christian Dähn veranstaltet auf seinem Klang-Bauchladen eine kleine Ton-Schöpfung und übersetzt unsere Weltbilder in Musik.

Jördis Johannson lädt zur untergangsparodistischen "Werbeverkaufsveranstaltung": Sie preist ein Stück Weltall an, das man sich sichern soll, falls es auf der Erde eng wird. Zum Beispiel, wenn der Yellowstone-Vulkan ausbricht. Da wirds auf der Erde erst mal für eine Weile dunkel. Die "Zukunft liegt im All", man sollte also vorsorglich schon mal in Sterne investieren, die sind immerhin recht langlebig.

Oder sich eine hübsche Mondparzelle zulegen. Für den Wochenend-Trip. Oder irgendeinen Planet im "unverbauten Rohzustand". Später dürfen noch Eichendorff, Nelly Sachs oder Heinz Erhardt melancholisch, romantisch, ironisch und gedichtet zum Ausdruck bringen, was man angesichts des Universums eben so empfindet.

Sternwärter Ulrich Lehmann wiederum weist auf die besonderen Reize eines künstlichen Weltalls hin: Der Omniglobe, eine Neuanschaffung der Sternwarte, ist eine Kugel, die sich in Jupiter, Mond, Milchstraße oder unseren "blauen Juwel" verwandeln kann. "Wir machen nie Theater", verkündet Lehmann schelmisch, "wir bedienen nur Teleskope oder Zeitmaschinen". Der Omniglobe kann nämlich mehrere Millionen Jahre Kontinentaldrift in zwei Minuten durchspielen. "Die Erde ist kein Betonplanet", sondern immer in Action.

"Und sie bewegt sich doch!", wusste ja schon Galileo. Heimlich. Im Planetarium wiederum führt Frank Rapp übers Firmament, wo sich fast das gesamte Personal der griechischen Mythologie jeweils als Sternbild verewigt hat: Cassiopeia, Andromeda, Perseus - alle haben sie ihre Geschichten in den Himmel geschrieben.

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