Unablässig anhäufen, ohne Geld auszugeben

SWP 27.08.2013

In den Wirren der Französischen Revolution sind etwa 6000 Adlige ins benachbarte Ausland emigriert. Dazu zählte auch der aus Lothringen stammende Graf Francois-Hercule de Serre (1776 bis 1824). Hierbei weilte de Serre zwischen 1798 und 1800 auch zeitweilig in Reutlingen, wo er von dem Konditormeister Wucherer und dessen Frau aufgenommen und sehr gastfreundlich behandelt wurde. Über seine Eindrücke berichtet er in einigen Briefen, deren Passagen hier nur insoweit zitiert werden sollen, als sie das Leben in Reutlingen betreffen und einen Einblick in die Lebensweise und Mentalität der damaligen Bevölkerung geben.

Das Leben hier ist nicht teuer; für einen Louis dor erhalte er Unterkunft und Verpflegung. In dieser kleinen Stadt, in der alle politisch gleichgestellt seien, gelte die Arbeit als Ehre, und wer nützlich sei, sei auch geachtet. Die Sitten dieser Leute gefielen ihm sehr; sie seien einfach, rechtschaffen und ungekünstelt. Es gäbe hier keinen Luxus und folglich auch überhaupt keine Ausgaben für Kleidung.

Zur Finanzierung seines Aufenthalts bemühe er sich, in Reutlingen Schüler zu finden, denen er Französischunterricht erteilen wolle. Dies sei aber schwierig; denn, so de Serre: An einem Ort, wo jeder Arbeiter oder Handwerker ist, werde jede Art von Erziehung, die nicht unverzüglich Geld einbringt, so stark vernachlässigt, dass das Höchste für ihn wäre, eine irgendwie geartete Beschäftigung zu finden, um nicht unnütz zu erscheinen. Deswegen versuche er, seinen Bekanntenkreis zu erweitern, wobei er mit viel Lob festgestellt, dass er überall herzlich aufgenommen werde. Die Weinlese gehe zu Ende und man habe ihm überall Traubenkonfitüre und süßen Wein angeboten.

Auch mit dem Essen scheint er sehr zufrieden gewesen zu sein. Die Sauberkeit und Qualität lasse nichts zu wünschen übrig und alles, was er benötigte oder wozu er Lust verspürte, würde man ihm besorgen. Schließlich geling es dem Grafen auch, einige Schüler zu finden. Dabei stellt er erschreckende Bildungsdefizite fest.

Dazu bemerkt er: Die Wahrheit ist, dass die Erziehung in dieser Stadt, die vollständig aus Arbeitern, Handwerkern und Händlern besteht, in höchstem Maße vernachlässigt werde, vor allem, was die geistigen Gaben angehe. Die Klugen werden hier weder geachtet, noch ordentlich bezahlt; sie suchten ihr Glück woanders. Die Kinder verlassen mit 14 Jahren in gröbster Unwissenheit die Schule und man schicke sie gewöhnlich in die Fremde, in eine Werkstatt oder in ein Kontor, um dort eine Lehre zu machen.

Die großen Veränderungen, die seit einigen Jahren in Europa geschehen sind, hätten die Bewohner zwar ein wenig aus ihrer dumpfen Gleichgültigkeit aufgeweckt und sie ahnen lassen, dass ihr alter Schlendrian bei den neuen Verhältnissen wohl nicht mehr ausreicht. Sie hätten andere Menschen gesehen und empfinden nun, was ihnen fehlt, aber sie seien noch nicht stark genug, um sich anzustrengen und Opfer zu bringen, sich das Fehlende anzueignen. Er sei davon überzeugt, dass es in Reutlingen nur wenige Eltern gäbe, die bei der hier herrschenden Sparsamkeit und Gewinnsucht dazu bereit seien, ihren Kindern eine gute Erziehung und eine ordentliche Ausbildung zu ermöglichen, die ihnen die Chance gäbe, ihr Vermögen zu nutzen und zu genießen: Unablässig erwerben und anhäufen ohne Geld auszugeben, das sei der Lebensstil der Reutlinger Bevölkerung.

Die Kunst des gesellschaftlichen Lebens, der Lebensgenuss als Kunst, steckten hierzulande noch in den Kinderschuhen. Anmut, Geschmack und Vergnügungen geistiger wie leiblicher Art seien unbekannte Dinge. Fast immer sei ein Scherz grobschlächtig oder unanständig und eine Unterhaltung führe fast immer zum Streit. Man komme nur bei Taufen, Beerdigungen zusammen oder bei förmlichen Besuchen und die meiste Zeit werde gegessen und getrunken. Die Frauen seien immer unter sich und die Männer träfen sich in der Wirtschaft bei einer Flasche Wein.

Nach der Machtübernahme durch Napoleon konnte de Serre wieder nach Frankreich zurückkehren. In der Zeit der Restauration wurde er für kurze Zeit Präsident der Abgeordnetenkammer, dann für einige Jahre Justizminister und schließlich französischer Botschafter in Neapel.

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