Erfüllt vom Klang der Poesie, von Hafez, tief in der Seele angerührt, beschwingt durch die lebensvolle Kraft der Wörter, im Taumel tanzen die Gedanken, in den Beschreibungen, den Dichter auf seinen Wegen zu begleiten, die Wörter werden zu Farben, bekränzen ihn und seine wundersamen Verse.“ So schreibt Günther Uecker über die Dichtkunst von Hafez, dem persischen Mystiker des 14. Jahrhunderts.

Er schildert so auch den Impuls zu einem Werkzyklus, der in Zusammenarbeit mit der hiesigen Siebdruckwerkstatt Graffiti entstanden ist. „Günther Uecker. Huldigung an Hafez“ heißt die Ausstellung – heute ist Eröffnung im Städtischen Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen.

Der heute 86-jährige Günther Uecker gehört zu den Großen der Gegenwartskunst. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR, ging er 1955 in den Westen, um bei Otto Pankok zu studieren. Bald entwickelte er die für ihn typischen Nagelbilder, weiß bemalte Reliefs aus Nägeln, wie sie sich auch jetzt in der Spendhaus-Auswahl finden, oft in zentrifugaler Spiralform angeordnet. Er war Mitglied der Künstlergruppe Zero und vertrat 1970 die Bundesrepublik bei der Biennale in Venedig.

Im Rausch des Malens

In seinem jetzt gezeigten Zyklus „Huldigung an Hafez“ führt Uecker zudem ein Thema weiter, das seit den 70ern seine Arbeiten durchzieht: die Verwandlung von Texten in geschriebene Bilder.

Entstanden ist die Serie von Herbst 2015 bis März 2016 in der Reutlinger Siebdruckwerkstatt Graffiti. „Diwan“ heißt das Hauptwerk des persischen Mystikers Hafez (auch die Schreibweise Hafis ist üblich), eine Sammlung aus Gedichten, so genannten Ghaselen. Sie sind durchdrungen vom Gedanken der geistigen Freiheit in einer von Heuchelei beherrschten Welt. Es geht um Liebe, Sehnsucht, Trennung.

Auch ums Küssen, um Rausch und Weingenuss, der zwar als unerwünscht galt, aber in Herrscherkreisen zeitweise gepflegt wurde. Wenn Hafez also schreibt „Du küsse nichts als Lippen des Liebchens und des Bechers“, deuten dies persisch-islamische Exegeten im übertragenen Sinne. In Europa, wo derlei Passagen wörtlich ausgelegt wurden, erlangte Hafez durch Übersetzungen im frühen 19. Jahrhundert vollends Bekanntheit. In der Auseinandersetzung mit Hafez’ „Diwan“ schrieb Goethe seinen „West-östlichen Divan“ (1819): „Und mag die ganze Welt versinken, Hafis mit dir, mit dir allein will ich wetteifern.“ Zurück zum Ueckerschen Hafez-Zyklus. Jede Arbeit ist unter Verwendung etlicher Folien zustande gekommen – zum Beispiel jeweils eine für die Farben Rot, Grün und die Schrift. Vor allem die Farbnuancierung nach den Vorgaben Ueckers hinzukriegen, erzählt Sebastian Wendel von der Reutlinger Siebdruckwerkstatt Graffiti, sei schwierig gewesen, „eine knifflige Suche“.

Uecker selbst schildert den Prozess so: „Die Hände, das malende Werkzeug, das Wort auf der Zunge, gelesen, gesprochen findet seinen Klang, beschwingt, beflügelt die Gedanken, sie werden farbig im Rausch des Malens, in Zeichen und Chiffren, gedruckt auf Papier.“  So überrascht dieser Zyklus, obwohl er aus lauter gleichen Formaten besteht, durch großen Abwechslungsreichtum.

Uecker gelingt es, die meditative Poesie und vitale Glut der Hafez-Verse in Farbe und Rhythmus zu übersetzen. Tanzende Sonnen, Blütenfelder, Farbkaskaden, Sandwolken verleihen den Worten eine zusätzliche, nichtsprachliche Tiefendimension. Zu Ueckers Zyklus, der 2016 auch in Teheran, in Hafez’ Geburtsort Shiraz (Iran) und in Wolfenbüttel zu sehen war, schreibt Bundestagspräsident Norbert Lammert: Treibende Kraft für Ueckers Bild-Text-Durchdringungen sei es, Hafez’ „Botschaft der Liebe, des Gottvertrauens, der menschlichen Zuneigung und des wechselseitigen Verständnisses im Dialog der Künste als Brücke zwischen der islamischen Kultur und der westlichen Zivilisation über die Jahrhunderte hinweg in die Gegenwart zu übersetzen.“

Zur Ausstellung – Eröffnung, Dauer, Öffnungszeiten


Eröffnung Ausstellung „Günther Uecker. Huldigung an Hafez“ im Städtischen Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen. Eröffnung ist heute, Freitag, 10. Februar, 19 Uhr. Es sprechen: Dr. Werner Ströbele (Leiter des Kulturamts) und Herbert Eichhorn (Leiter des Kunstmuseums).
Dauer bis 5. März.
Öffnungszeiten Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19, Sonntag/Feiertag bis 18 Uhr.
Werkstattbesuch Samstag, 25. Februar, 15 Uhr: Blick in die Siebdruckwerkstatt Graffiti GmbH, Steigäckerstraße 11, 72768 Reutlingen. Telefonische Anmeldung erforderlich unter ☎ (0 71 21) 303-2322.

Orient und Okzident


„Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.“

Goethe, „West-östlicher Divan“