Tübingen/Reutlingen Überzeugt, dass der Angeklagte Gewalt angewendet hat

Landgericht Tübingen
Landgericht Tübingen © Foto: RALF OTT
Tübingen/Reutlingen / SIMON WAGNER 29.07.2016
Weil er Mädchen nach Online-Chats missbraucht und vergewaltigt hat, muss ein Reutlinger sieben Jahre und neun Monate hinter Gitter.

Die 3. Große Jugendschutzkammer sah es als erwiesen an, dass der Reutlinger Familienvater zwischen 2013 und 2015 auf einer Online-Plattform unter verschiedenen Identitäten gezielt Kontakt zu jungen Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren suchte, um sie in sexuell gefärbte Chats zu verwickeln. Dabei habe er nicht nur pornografische Fotos verschickt, sondern sie teils erfolgreich auch zu Treffen überredet.

Bei diesen Treffen, so stellte es die Vorsitzende Richterin Diana Scherzinger am Donnerstagnachmittag fest, ist es unter anderem in vier Fällen zum Missbrauch Jugendlicher in Tateinheit mit Vergewaltigung und in einem Fall zum schweren sexuellen Missbrauch eines 13-jährigen Kindes gekommen.

„Die Kammer ist überzeugt, dass der Angeklagte Gewalt angewendet hat“, wies Scherzinger die Version des 45-jährigen Angeklagten zurück, wonach sich die betroffenen Mädchen einvernehmlich auf ihn eingelassen hätten und er weder physischen noch psychischen Zwang angewendet habe: „An den Angaben der Mädchen besteht kein Zweifel“, sagte die Richterin über die Glaubwürdigkeit der nicht öffentlich gehörten Zeuginnen

Davor habe der Angeklagte erheblichen Aufwand betrieben, seine Absichten zu verschleiern, wie Scherzinger weiter erklärte. Teils über Monate hinweg hielt er parallel Kontakt zu mehreren Mädchen und habe sie als angeblicher Steuerberater, mal als Lehrer regelrecht umgarnt. Aufgetreten sei er zunächst als väterlicher Freund, als Kumpel und habe als emphatischer Gesprächspartner das Vertrauen der meist arglosen Mädchen gewonnen.

„Wie eine Reise in eine andere Welt“, so die Schilderung eines der Opfer. Zum ersten Mal habe sie sich als Frau behandelt gefühlt. Aber: „Er hatte die Fäden in der Hand.“ Gegangen sei es ihm letztlich nur um Treffen und um sexuelle Handlungen. Unabhängig von den Folgen für die Mädchen wie körperliche Beschwerden, schulische Abstürze, Wesensänderungen, Therapien.

Er habe wahllos ebenso das wenig ausgeprägte Selbstbewusstsein und die geringe Lebenserfahrung der Mädchen, aus teils schwierigen Lebensverhältnissen, ausgenutzt, wie ihr aufkeimendes, sexuelles Interesse. Die Kammer sieht ein gezieltes und gesteuertes Verhaltensmuster und in der an den Tag gelegten Beharrlichkeit ein hohes Maß an krimineller Energie.

Er habe dabei in vollem Bewusstsein gehandelt. Alkohol oder Drogen hätten keine Rolle gespielt. „Es sind Taten, für die er die Verantwortung übernehmen muss“, so Scherzingers Begründung des Strafmaßes von sieben Jahren und neun Monaten Haft. Die Gesamtstrafe umfasst dabei nicht nur die Missbräuche und deren Versuche, sondern auch etliche Straßenverkehrsdelikte: Insgesamt zählt die Kammer 101 Straftaten.

Mit dem Urteil blieb die Kammer deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. In ihrem nichtöffentlich gehaltenen Plädoyer am Montag, forderte sie, ebenso wie die Nebenklage, zehn Jahre Haft mit anschließender Prüfung der Sicherungsverwahrung. Die Notwendigkeit einer Sicherungsverwahrung, sieht die Kammer indes noch nicht gegeben.

Zwar stellte sie mit dem psychiatrischen Gutachter eine große Wiederholungsgefahr fest, aber man könne nicht von einem unbelehrbaren Täter sprechen. Noch gebe es kein eingeschliffenes, kriminelles Verhalten. Richterin Scherzinger riet dem Angeklagten gleichwohl dringend zu einer Therapie, die seine Persönlichkeitsstörungen zum Inhalt und den Auszug aus dem „Wolkenkuckucksheim ‚toller Hecht‘“ zum Ziel hat. Begehe der Angeklagte noch einmal eine ähnliche Tat, komme man höchstwahrscheinlich an der Sicherungsverwahrung nicht mehr vorbei, so ihre eindringliche Warnung an den 45-Jährigen.