Marshall MacLuhans Vision aus dem Jahr 1962 - die Welt als "Global Village" - ist längst Wirklichkeit geworden. Dass auch künstlerische Arbeit über Kontinente hinweg entstehen kann, zeigt nun das Projekt "SkypeLab". Masterstudierende aus weltweit drei Hochschulstandorten - Melbourne, Shanghai und Reutlingen - haben sich gegenseitig per Skype in Blindzeichnungen porträtiert. "Das Auge schaut aufs Gegenüber, nicht aufs Bild, nicht auf die zeichnende Hand": So beschreibt Prof. Henning Eichinger von der Hochschule Reutlingen das Prinzip.

Aus diesen Porträts, aber auch aus Stadtansichten, Straßenplänen, Sehenswürdigkeiten und anderen Materialien entwickelten die 14 Mitwirkenden nun künstlerische Arbeiten. Dies in erstaunlicher Vielfalt: Videoinstallationen, Malerei, Kleidungsstücke, Stickereien, Skulpturen, Zeichnungen und vieles mehr.

Diese Arbeiten überführen so auch Erfahrungen aus dem virtuellen, digitalen Raum "wieder zurück ins Haptische, ins Materielle", resümiert Dr. Ralf Gottschlich vom Kunstmuseum Reutlingen, das die Ausstellung in der Städtischen Galerie Eberhardstraße präsentiert.

Das Projekt ist vielschichtig angelegt. So entwickelte sich die digitale Kommunikation per Skype zu einer Form der sozialen Zusammenarbeit, des Kennenlernens ferner Menschen, Orte, Räume und Kulturen, wie Christoph Dahl ausführt, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung. Gerade jetzt, so Dahl, in einer Zeit, da vielerorts wieder verstärkt Grenzen und Abgrenzungen aufgebaut werden, soll der Brücken bauende Aspekt dieses Projekts auch bewusst Zeichen setzen.

"Lab" steht für Labor, Prof. Henning Eichinger war es, der dieses transkontinentale Forschungslabor 2014 angestoßen hat. "Durch Globalisierung und Digitalisierung verändern sich möglicherweise auch Kunst und Design", sagt Eichinger. Und so entstanden, über drei Kontinente und damit "über Zeit-, Kultur- und Sprachzonen hinweg", verschiedene Arbeiten. "Transcontinental Faces & Spaces", Gesichter und Räume, Menschen und Orte - so der Untertitel der Ausstellung.

Das mit dem unbekümmerten Impetus "Wir machen das mal" begonnene Projekt, erzählt Eichinger, wurde inzwischen in Shanghai und Melbourne vorgestellt, aber auch bei einer internationalen Kartograhie-Konferenz in Boston. Im Zuge dieses Vorhabens kamen mittlerweile Kontakte - teils über frühere Reutlinger Hochschüler - zu Universitäten in Peking, New York, Rio de Janeiro und Santiago de Chile zustande. "Das treibt uns natürlich voran", sagt Eichinger. Ziel ist nämlich auch, ein internationales "nachhaltiges Netzwerk" von Hochschulen und Studierenden aufzubauen, das auch künftige Generationen nutzen können. Die Förderung der Stiftung läuft denn auch bis Ende 2017.

Die Projektleitung liegt bei Prof. Henning Eichinger und Maggie McCormick - sie ist "Programm Manager" des Bereichs "Art in Public Space" (Kunst im öffentlichen Raum) an der RMIT Hochschule in Melbourne. Sie selbst verschmilzt in ihren Collagen Porträts und U-Bahn-Pläne aus den Projektstädten - mitnehmbar, ganz in "old school"-Papierform, zusammengerollt und mit Schleife (Bild links).

Laut McCormick kündet dieses Projekt auch von einer grundlegenden Wandlung und Erweiterung des Begriffs "Öffentlicher Raum", der neben realen Orten längst auch virtuelle soziale Netzwerke umfasst. Stellvertretend für die gezeigten Arbeiten von 14 Beteiligten - je vier Studierende aus Melbourne, Shanghai (Peking) und Reutlingen sowie zwei Projektleiter - seien hier einige Beispiele herausgegriffen.

· Angela Wetzel (Reutlingen) ist mit "SkypeLab Maps" vertreten. In ihren Arbeiten verbindet sie Blindzeichnungen, Fotos und Satellitenaufnahmen zu Collagen, die um das Thema "Nähe und Ferne" kreisen.

· Grace Leone (Melbourne) hat in ihrer Installation "Skype Soundscape" Geräusche - etwa von Gängen Mitwirkender über einen Marktplatz - in Objekte übersetzt. Herausgekommen sind schattenartige Plexiglas-Silhouetten.

· Yuemin Huang (Shanghai) wiederum verarbeitet Elemente aus den Skype-Porträts in eigens gefertigten Masken und Gesichtsbemalungen, die der dahinter verborgenen Person eine neue, zusätzliche Identitätsdimension verleihen.

· Javiera Advis (Melbourne) macht Wege der Projektpartner in Pfullingen oder Santiago de Chile sichtbar - zum Beispiel in Acrylglas.

· Annie Kurz (Reutlingen) lebt heute in New York und hat aus Hunderten von ausgedruckten und geschredderten E-Mails zum Projekt eine Skulptur namens "Mutter Inbox" geformt, die wie ein ausgestopfter Tierkörper anmutet.

· Riza Manalo (Melbourne) blendet per Videoinstallation Raum-, Zeit- und Identitätsschichten übereinander - aus der Jugend in Manila und vom australischen Studienort.

Eröffnung, Dauer und mehr

Ausstellung "SkypeLab: Transcontinental Faces & Spaces. Ein künstlerisches Forschungslabor auf drei Kontinenten"

Eröffnung ist heute, Freitag, 26. Februar, 19 Uhr, in der Städtischen Galerie Reutlingen, Eberhardstraße 14. Bürgermeister Robert Hahn und Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung, begrüßen. Eine Einführung hält Dr. Karin Rase, Kunsthistorikerin aus Berlin, die das Projekt von Beginn an begleitet hat.

Öffnungszeiten Dauer der Ausstellung: bis 10. April. Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr, Sonntag/Feiertag bis 18 Uhr, Karfreitag geschlossen.

Katalogpräsentation Sonntag, 10. April, 11 Uhr, Städtische Galerie: Projektbericht von Prof. Henning Eichinger (Reutlingen).

SWP