Gustav Werner, der Reutlinger "Pionier der inklusiven Arbeit", hat in der Region tiefe Spuren hinterlassen, erklärt Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn in seiner Eröffnungsrede zum ersten baden-württembergischen Werkstättentag. Das zweitägige Event mit großer Ausstrahlung fällt in Reutlingen mitten in das bunte Treiben des 6. internationalen Festivals "Kultur am Rande". Hahn: "Die Tür für Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft hinein muss sich weiter öffnen", der Bewusstseinswandel hin zu Wertschätzung und selbstbestimmtem Leben müsse vorangetrieben werden. "Ich wünsche mir Impulse von dieser Veranstaltung, die die Arbeit von behinderten Menschen näher an den ersten Arbeitsmarkt heranbringen", ergänzt Hahn und macht Gustav Werners These zum Leitsatz: "Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert!"

Dass speziell Baden-Württemberg davon noch meilenweit entfernt ist, bestätigt der Landesbehindertenbeauftragte Gerd Weimer: "Mehr als 50 Prozent der Betriebe kaufen sich frei. Das ist Platz 12 von 16 in Deutschland." Dass das auch anders geht, so Weimer, bestätige eine Haltequote von 85 Prozent. "Der erste Arbeitsmarkt sollte endlich mal die Qualität erkennen, die wir in den Werkstätten haben", fordert Silvia Kaudems von der Lebenshilfe Karlsruhe via Videobotschaft, "auch die Rückkehr muss gesetzlich geregelt werden."

"Die regionale Wirtschaft und die Zulieferer der Automobilindustrie sind auf die Unterstützung der Werkstätten angewiesen", sagt Dr. Markus Nawroth, "die können gar nicht anders." Der Chef-Ökonom der IHK Reutlingen stellte den "Ausbildungsabschluss für alle" in den Raum und bekommt dafür tosenden Applaus. "Wir sind ein wichtiger Teil der Zukunft. Wie wir die Beteiligung gestalten liegt daran, wie wir uns einbringen", proklamiert Roland Weber von der Bundesvereinigung der Werkstätten.

Das "Dreamteam in Bleu", Hans-Joachim Ruschke, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft WR, und Egon Streicher, Vositzender der LAG WfbM, versprechen sich von ihrem ersten gemeinsamen Auftritt: "Ein stärkeres Wir-Gefühl in der Gesellschaft" und die Sensibilisierung, dass behinderte Menschen ein ganz normaler Teil davon sind. "Wir gehören nicht nach draußen", ruft Hans-Joachim Ruschke in den voll besetzten Saal der Stadthalle, "jeder von uns kann was, was andere nicht können!" - "Unsere Gesellschaft definiert sich über Arbeit", argumentiert Egon Streicher, "sie ist Königsweg und Status zugleich. Teilhabe muss für Menschen mit Behinderung selbstverständlich sein."

Die erste Großveranstaltung der beiden Landesarbeitsgemeinschaften für Behinderten-Werkstätten ist ein Aufsehen erregender Trommelwirbel und ein weiterer Leuchtturm im Projekt "Inklusion". An zwei bunten Seminartagen werden in Reutlingen Maßstäbe gesetzt.