Wie traumatisiert das Opfer immer noch ist, das zeigte sich gestern Vormittag im Amtsgericht Reutlingen. Die 16-jährige Schülerin war kaum in der Lage, Angaben zu machen. Musste sie auch nicht, denn der Angeklagte war vollauf geständig, so dass am Tatvorwurf kein Zweifel bestand. Im Juni diesen Jahres hatte ein 28-jähriger Reutlinger, verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern, im Reutlinger Freibad eine 16-Jährige gefilmt. In der Umkleidekabine. Oder besser gesagt: Er ging in die Umkleide neben dem Mädchen, das er zuvor beobachtet hatte, und filmte mit dem Handy unter der Umkleidekabine hindurch. Ja, das Mädchen habe ihm gefallen, sagte der Geschäftsführer einer Tübinger Firma vor Gericht aus. Und er habe sie weitaus älter geschätzt, als sie tatsächlich ist. „Ich habe eine riesige Dummheit begangen“, zeigte sich der Reutlinger überaus einsichtig.

Keineswegs ein Kavaliersdelikt ist die Tat des 28-Jährigen. Die Staatsanwaltschaft erhob jetzt Anklage wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen und wegen des besonderen öffentlichen Interesses. Die Schülerin, die den Mann in der Nebenkabine bemerkt hatte, informierte einen Bekannten, der dem Reutlinger folgte und die Polizei rief, die auch rasch im Freibad eintraf. Das Handy wurde beschlagnahmt, die Aufnahmen dann gelöscht. Richterin Amrei Duncker versicherte dem Opfer, dass keinerlei Bild- oder Filmmaterial mehr vorhanden sei und auch nichts ins Netz gelangt ist. Dass die Aufnahmen das Mädchen nur angekleidet zeigten, ist wohl ein schwacher Trost. Der Schock über das Erlebte sitzt jedenfalls beim Opfer noch immer tief. Und so antwortete sie auf die Frage des Anwalts, ob sie eine Entschuldigung des Angeklagten annehme, auch mit einem klaren „Nein“. Wie mitgenommen sie noch immer ist, das wurde auch dem Gericht deutlich.

Die Staatsanwaltschaft hielt dem Angeklagten zugute, dass er voll geständig sei und auch Reue zeige. Und forderte deshalb eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 50 Euro, also 2500 Euro Geldstrafe. Eine Forderung, der schließlich auch das Gericht folgte. Der Verteidiger hatte zwar 30 Tagessätze für ausreichend angesehen, dem wollte Richterin Amrei Duncker dann aber doch nicht entsprechen. Vielmehr verdeutlichte sie dem Angeklagten, dass, sollte eine solche Tat nochmals vorkommen, der Reutlinger durchaus auch mit einer Freiheitsstrafe rechnen müsse.

Ob nun noch eine zivilrechtliche Schmerzensgeldklage auf den Reutlinger zukommt, das bleibt dem Opfer überlassen.

Schutz des höchstpersönlichen Lebensbereichs


Der Paragraf 201a des Strafgesetzbuches wurde 2004 zum Schutz des höchstpersönlichen Lebensbereichs eingeführt. Dabei heißt es unter anderem: „Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, unbefugt eine Bildaufnahme herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt“. Der Gesetzgeber hat damit eine ursprünglich bestehende Gesetzeslücke geschlossen und auf die Häufung von demütigenden Bildern und Videos auf Smartphones und Tablets reagiert.