Reutlingen Trauer, Mahnung und Warnung

Bei der gestrigen Gedenkveranstaltung warnten Verdi-Bezirksgeschäftsführer Martin Gross und VVN-BDA-Mitglieder vor einem Rechtsruck in Deutschland.
Bei der gestrigen Gedenkveranstaltung warnten Verdi-Bezirksgeschäftsführer Martin Gross und VVN-BDA-Mitglieder vor einem Rechtsruck in Deutschland. © Foto: Norbert Leister
NORBERT LEISTER 23.11.2015
Martin Gross (Verdi) und Thomas Poreski (Grüne) gedachten am gestrigen Totensonntag nicht nur der Opfer des Nationalsozialismus, sondern warnten auch vor einem Rechtsruck der heutigen Politik.

"Fast täglich laufen Nazis und Rassisten durch die Straßen, fast täglich brennen Flüchtlingsunterkünfte", sagte Martin Gross auf dem Friedhof "Unter den Linden" beim Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus. Damit hatte der Verdi-Bezirksgeschäftsführer sogleich den Bezug zur Gegenwart hergestellt. Und er betonte: "Mauern und Zäune halten Menschen nicht ab, die vor Krieg, Terror und Umweltzerstörung flüchten."

Die VVN und BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten) hatten zu der Gedenkveranstaltung geladen, Hauptredner war Martin Gross, der Grünen-Landtagsabgeordnete Thomas Poreski betonte obendrein: "Aufklären und Aufrütteln ist immer wieder wichtig, auch damit junge Menschen ihr Mitgefühl behalten." Sehr berührt zeigte sich der Grünen-Politiker von einem Heft, das Schüler der 9. Klasse der Eichendorff-Realschule unter dem Titel "Wortkrieg und Sprachfrieden" zum Volkstrauertag herausgegeben hatten. Poreski verlas das Gedicht "Die Flucht". Weitere Zitate folgten, etwa eines aus einem Lied von Konstantin Wecker: "Ich habe einen Traum, wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein, alle die fliehen vor Hunger und Mord, und wir lassen keinen allein."

Viele Antifaschisten seien in der Zeit der Nationalsozialisten aus Deutschland geflüchtet und hätten in anderen Ländern eine Zuflucht gefunden, betonten Mitglieder der VVN/BdA. Sie verwiesen darüber hinaus auf Waffenexporte aus Europa in Krisenländer und auf die Antwort und die Folge: "Der Terror ist nun auch in Europa angekommen - wir trauern um die Opfer in Paris, aber auch um die in Mali und in anderen Ländern."

Verdi-Bezirksgeschäftsführer Gross betonte dazu: "Wir lassen uns die Demokratie nicht entreißen, wir stehen mutig für die Menschenwürde ein." Aber er befürchte auch einen Rechtsruck in der Politik Europas durch die Terroranschläge in Paris und durch die große Zahl der Flüchtlinge, die nach Europa kommen. Dabei sei auch Deutschland gefährdet, wie der Anschlag auf die neue Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker von einem offen bekennenden Faschisten gezeigt habe. Hinzu kämen laut Gross solche Äußerungen wie etwa des bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer am Wochenende, der beim CSU-Parteitag einmal mehr eine Obergrenze für Flüchtlinge gefordert hatte - aus rein populistischen Gründen.