Reutlingen Totenkopf oder Heiligenschein?

Von Evelyn Rupprecht 04.09.2018

Stich für Stich, Strich für Strich wird die Fratze verzerrter. Mit dünner Nadel und dickem Stift entsteht ein Gesicht, das abstoßender kaum sein könnte. Warum der junge Asiate sich dieses Motiv ausgesucht hat und warum er es auf den oberen Ansatz seines Hinterteils tätowieren lässt – das sind Fragen, die er weglächelt. Ein kleines bisschen Schmerz mischt sich noch in seinen Gesichtsausdruck, dann konzentriert er sich wieder auf das, was ein Tattoo-Artist  auf seinem Allerwertesten verewigt. Auskunftsfreudiger ist da schon die Biberacherin, die 20 Meter weiter eineinhalb Stunden ihrer Lebenszeit dahin gibt, um bei der  Tattoo Convention in der Reutlinger Eishalle ihren Unterarm mit einem Engelsflügel inklusive Heiligenschein verzieren zu lassen.

„Es tut nicht weh, es ist eher ein Kratzen“, sagt die Frau mit Blick auf die Nadel, mit der die Künstlerin auf ihrer Haut herumwerkelt. Zwei größere Tattoos hat die Oberschwäbin schon – einen Schriftzug und einen Notenschlüssel. Und weshalb jetzt der Engelsflügel? Die Frage, sagt sie, sei ihr zu persönlich. Aber alle ihre Tätowierungen sind Erinnerungsstücke, solche, „bei denen Du einfach an etwas Besonderes denken musst, wenn Du sie anschaust“. Für ihr drittes Tattoo hat sie extra den Weg nach Reutlingen auf sich genommen, wo sich am vergangenen Wochenende mehrere Tausend Besucher an gut 100 Ständen gedrängt haben und in ein Event eingetaucht sind, wie es internationaler kaum sein konnte.

„Wir haben hier Artists aus Brasilien, Italien, Thailand, Griechenland und England“, berichtet einer der Messe-Macher aus der Crew um Jörg Ziefle. Die Tätowierer, sagt er, sind wie eine große Familie, die auf der ganzen Welt unterwegs ist. „Da kennt fast jeder jeden“. Weshalb dann eben auch mal südamerikanische Künstler in der Reutlinger Eishalle aufschlagen. Und weshalb auch die Besucher von weit herkommen. „Da sind sogar Berliner dabei, die anreisen, weil ein berühmter Artist aus London hier ist.“  Sean Vasquez ist in diesem Fall derjenige, der  zu den besten seines Fachs gehört, und dessen Fans Schlange stehen, damit er ihnen unter die Haut geht.

Viele der Besucher bringen die Motive, die sie auf sich verewigen lassen wollen, selbst mit. Andere beschränken sich auf die Bilder, die die Tattoo-Studios anbieten. „Für manche hat das Ganze eine tiefere Bedeutung, für andere ist es einfach nur wie ein Schmuckstück“, sagt eine Künstlerin, die gerade ein Stencil, also eine Schablone, auf den Arm ihrer Kundin legt. „Wir laden die Motive auf einen Rechner, dann machen wir das Stencil, das auf die Haut kommt und sozusagen kopiert wird“, beschreibt Harry von Herzblut-Tattoo aus Unterelchingen das, was seine Kollegin da gerade tut – und das jemanden, für den die Tattoo-Kultur ein Rätsel mit sieben Siegeln ist, kräftig zusammenzucken lässt. Dabei ist es ein durchaus gängiges Motiv, das die Kundin sich gerade auftragen lässt. „Wir haben allerdings auch ganz andere Aufträge. Es gibt Leute, die sich ihr Firmenlogo auf den Hintern stechen lassen“, verrät Harry, der zugibt, dass so etwas eher selten vorkommt. Und der eher Spaß, als einen tieferen Sinn hinter solchen Tattoo-Wünschen vermutet. „Sonst machen wir nämlich eher Mainstream, Aquarelle und Totenköpfe eben“, erklärt er.

Dass selbst Arbeiten an intimeren Bereichen des Körpers bei der Convention nicht in einer Kabine, sondern ganz öffentlich erledigt werden, mag Außenstehenden seltsam erscheinen – für Tattoo-Profis ist es eine Selbstverständlichkeit. Oder anders gesagt: „Wenn sich schon einer ein Arschgeweih auf den Hintern tätowieren lässt, dann macht dem das auch nichts aus, wenn es alle sehen“. So formuliert es einer vom Veranstalter-Team, der  selbst jede Menge Tattoos hat – und sie allesamt behalten möchte. „Ich habe meine erste Tätowierung mit 18 machen lassen. Jetzt gehe ich auf die 39 zu und ich habe nicht vor, damit aufzuhören“, sagt er. Irgendwann mal eines der Motive entfernen zu lassen, ist für ihn kein Thema. Im Gegenteil. „Wenn man eins hat, dann will man immer mehr“. Was freilich eine Platzfrage ist.

Aber vielleicht sind ja auch deshalb auf dieser Tattoo-Convention auffallend viele Menschen mit dicken Muskelpaketen unterwegs. Sie haben ihre Haut einfach ausgedehnt, damit mehr drauf passt.

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