Reutlingen Tiefer Blick in die Röhre

Reutlingen / NORBERT LEISTER 05.10.2015
125 Millionen Euro wird der Scheibengipfeltunnel voraussichtlich kosten. Gestern konnten Interessierte bei einem Bürgerfest selbst einen Blick in die Röhre werfen - und ganz viel über den Bau erfahren.

Tausende strömten zum Südportal des künftigen Umfahrungstunnels. In Scharen liefen sie in die Tunnelröhre hinein, informierten sich an Schautafeln über Vorgehensweise und Fortschritt des insgesamt drei Kilometer langen Bauwerks. Sie konnten sich Filmsimulationen über den künftigen Verkehrsfluss durch den Tunnel anschauen oder gar über einen Brand darin. Alles sehr eindrücklich. Und auch ein wenig beklemmend - vor allem bei der Vorstellung, es wäre tatsächlich ein Notfall eingetreten und die Menschenmassen müssten ihren Weg vor dem flammenden Inferno durch die enge zweite Röhre ins Freie suchen.

Froh, wieder den - wenn auch wolkenverhangenen - Himmel über sich zu sehen, erschien das bunte Treiben in der künftigen Zufahrt zum Tunnelportal fast wie eine Erlösung. Und viele Menschen strömten ins Festzelt, das bestens gefüllt war. Blasmusik spielte auf, drei Narrenvereine und der TSV Eningen kümmerten sich um die Bewirtung. Und die Welt war gleich wieder in Ordnung.

Und dann kam Grit Puchan, Vizepräsidentin des Regierungspräsidiums Tübingen: Sie wies darauf hin, dass schon in den 1960er Jahren erste Überlegungen für einen Tunnel unter dem Scheibengipfel hindurch angestrengt wurden. "Einen Tag der Freude", nannte Staatssekretär Norbert Barthle den gestrigen Sonntag und überbrachte Grüße vom Bundesverkehrsminister. Viel wichtiger war aber wohl für die Zuhörer die Information, dass in der drei Kilometer langen Ortsumfahrung mit dem Tunnel von 1,9 Kilometern Länge die Geschwindigkeitsbegrenzung bei 70 Stundenkilometern liege.

Warum das Bauwerk laut Landesverkehrsminister Winfried Hermann 125 Millionen Euro kosten wird, habe sich beim gestrigen Besuch offenbart: Denn allein für die vielfältigen und modernsten Sicherheitsmaßnahmen müsse ein großer Teil des Geldes verwendet werden. Dafür wird laut Hermann wohl rund ein Drittel der 65 000 Fahrzeuge, die täglich durch Reutlingen müssen, künftig den Tunnel nehmen. Nach den Worten von Reutlingens Baubürgermeisterin Ulrike Hotz soll die Stickoxid-Emission um rund 45 Prozent in der Innenstadt sinken. Damit sei aber der Luftreinhalteplan in der Achalm-Stadt noch lange nicht abgearbeitet, der Tunnel sei nur "der erste zentrale Baustein". Weitere würden folgen, wie auch Verkehrsminister Hermann gefordert hatte.

So soll der Radverkehr durch Maßnahmen von heute 15 auf 25 Prozent erhöht, die Nutzung des Personennahverkehrs von zehn auf 15 Prozent gesteigert und der Fußverkehr (mit heute 22 Prozent) weiter ausgebaut werden, so Hotz. Und: Laut Winfried Hermann gebe es seit vergangener Woche wieder eine Perspektive für die Regionalstadtbahn.

Der Scheibengipfeltunnel wird laut Norbert Barthle wohl im Spätsommer 2017 fertig sein. Was dann mit den Gemeinden Unterhausen und Honau geschieht? "Jetzt muss der Albaufstieg kommen", forderte eine Gruppe Engagierter gestern am Rand des Bürgerfestes. Dieses Ansinnen unterstützte auch Hermann: "Es geht bei Umgehungsstraßen nicht allein um den fließenden Verkehr, sondern vor allem um Lebensqualität der Menschen, die an den Straßen wohnen." Aber: Für den Albaufstieg ist er als Landesminister zunächst nicht zuständig.

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