Reutlingen Therapie ist der sicherste Sex

Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag (von links): Dr. Evelyn Thumm vom Gesundheitsamt, Brigitte Ströbele und Daniela Lindpaintner von der Aids-Hilfe Reutlingen-Tübingen.
Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag (von links): Dr. Evelyn Thumm vom Gesundheitsamt, Brigitte Ströbele und Daniela Lindpaintner von der Aids-Hilfe Reutlingen-Tübingen. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 27.11.2015
"Aids bleibt weiterhin tödlich, wenn die Infektion nicht rechtzeitig erkannt wird", betonten Evelyn Thumm, Brigitte Ströbele und Daniela Lindpaintner am Donnerstag beim Pressegespräch zum Welt-Aids-Tag.

Die kleinen, süßen Bärchen sind auch in diesem Jahr wieder ein Hingucker. Dennoch geht es bei dem Stofftier mit der roten Schleife um den Hals um ein durchweg ernstes - und für manche immer noch tödliches - Thema: "Aids ist weiterhin tabu, die Betroffenen werden oftmals immer noch stigmatisiert und diskriminiert", betont Brigitte Ströbele von der Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen.

Oftmals aus Unwissenheit heraus trauen sich auch Menschen, die sich mit dem HI-Virus infiziert hatten, nicht an die Öffentlichkeit: "Muss ich meinen Arbeitgeber informieren? Oder muss ich im Kindergarten Bescheid sagen, wenn ich HIV-positiv bin", zitiert Daniela Lindpaintner von der Aids-Hilfe oft aufgeworfene Fragen. Die Antworten lauten schlicht und einfach: Nein. Weil nämlich im täglichen Umgang miteinander Aids nicht übertragbar ist. Hände schütteln, streicheln, selbst küssen - kein Problem, betonen die Fachfrauen. "Und wenn jemand in Therapie ist, Medikamente nimmt und die Viren nicht mehr nachweisbar sind, dann kann gar nichts mehr passieren", so Brigitte Ströbele. Deshalb gelte: "Therapie ist safer sex."

Dennoch steigen die Zahlen der neu infizierten Patienten weiter an, wie das Robert-Koch-Institut jedes Jahr wieder neue Zahlen jeweils kurz vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember bekannt gibt: Geschätzt leben derzeit mehr als 83 400 HIV-Infizierte in Deutschland (Baden-Württemberg: knapp 9000). "Was uns aber am meisten Gedanken macht, sind die Patienten, die infiziert sind, es aber gar nicht wissen", so Ströbele. Wie man auf die Zahl von rund 13 200 kommt? Aus mehr oder weniger komplizierten Hochrechnungen des Koch-Instituts, kommt die Antwort.

Gefährlich sei aber genau diese Menschengruppe, weil sie das Virus ohne Kenntnis weiter verbreitet. Die größte Zielgruppe sei nach wie vor die von Männern, die mit Männern Sex haben. "Hier in der Region machen wir Präventionsarbeit in der Sommerszeit vor allem am Kirchentellinsfurter Baggersee", sagt Brigitte Ströbele. "Dorthin kommen auch Männer, die nur hin und wieder Sex mit Männern haben." Gerade bei denen sei Informationsbedarf vorhanden, betonen die Aids-Fachfrauen. Präventionsarbeit werde aber auch etwa bei den "Schwubert-Partys" betrieben.

"Wir machen aber auch Präventionsarbeit an Schulen", betont Ströbele. Jetzt gerade um den 1. Dezember herum haben etwa 20 Schulen im Kreis Reutlingen Aids-Informationspakete bestellt, Schüler betreiben dann sozusagen Aufklärungsarbeit. Mit dabei im Paket: Kondome, Flyer und anderes Info-Material, zudem werden auch die knuddeligen Bärchen verkauft. Die Gelder gehen jeweils zur Hälfte an die Aids-Hilfe und an ein Präventionsprojekt in Tansania.

"Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch das Thema sexuell übertragbarer Krankheiten", betont Dr. Evelyn Thumm vom Gesundheitsamt. Denn: Wenn die Schleimhäute von Syphilis, Tripper, Chlamydien oder genitalem Herpes befallen sind, dann finde auch das Aids-Virus deutlich schneller Einlass in den Organismus. "Und das zeigt, dass Aids nicht nur ein Thema für Randgruppen ist, sondern mitten in der Bevölkerung ankommt", sagt Thumm. Deshalb sei ein HIV-Test extrem wichtig, es gebe in Reutlingen regelmäßige Sprech- und Testzeiten im Gesundheitsamt, jeweils dienstags 8 bis 10 Uhr, donnerstags 15.30 bis 17.30 Uhr und jeden ersten Montag im Monat von 18.15 bis 20 Uhr.

Aktionen zum Welt-Aids-Tag

Am Sonntag, 29. November, 18 Uhr, gibt es wieder das traditionelle Benefiz-Gospelkonzert in der Marienkirche zu Gunsten der Aids-Hilfe. Am Dienstag, 1. Dezember, 10 bis 14 Uhr, stehen Aids-Hilfe und Gesundheitsamt an einem Stand am Spitalhof, dort wird auch ein "Kondom-Diplom" verliehen. Am Freitag, 4. Dezember, ist ein Stand auf dem Reutlinger Weihnachtsmarkt vertreten, wo vor allem Spenden gesammelt werden.

NOL