The Lords begeistern bei ihrem Abschied 630 Oldie-Fans im vollen Naturtheater. Die ewige Jugend – ein wunderschöner Traum.

Ein Stück deutsche Musikgeschichte feierte Abschied: Am Donnerstag machten die Beat-Legenden von The Lords bei ihrer „European Farewell Tour“ einen Abstecher in Reutlingen. Rund 630 Fans klatschten und sangen am Ende ihres knapp zweistündigen Konzerts im Naturtheater lautstark mit. Die Prinz-Eisenherz-Frisuren sind längst verschwunden, die Rüschenhemden haben schwarzen Lederjacken und T-Shirts Platz gemacht, das Outfit ist dezent dem Zeitgeist angepasst. Auch ist mit dem 76-jährigen Klaus Peter Lietz nur noch ein Musiker der Originalbesetzung dabei – und der zeichnet sich vor allem durch seine humorvolle Moderation aus.

Doch ihre Musik ist noch immer dieselbe und einfach nicht totzukriegen. Die Bandmitglieder von The Lords sind zwar nicht mehr die Jüngsten, die wilden Beat- und Skiffle-Klassiker aus den 60er- und 70er-Jahren lassen sie aber noch immer in alter Frische auf ihre Fans los. Denn diese alten Könner haben etwas unwiderstehliches an sich, man könnte es auch Aura nennen. Spielen seit fast 60 Jahren immer dieselben Lieder, doch sobald man sie auf die Öffentlichkeit loslässt, hängt der Bühnenhimmel voller Musikversprechen und Gitarrenträume.

Slade und Sweet

Da leben die 60er und 70er Jahre wieder auf, Erinnerungen an den ersten Party-Kuss, den ersten Rausch, den ersten Stehblues werden wach. Die Helden hießen damals The Rubettes, Slade, Sweet, Smokie und The Lords und nun stehen sie wahrhaftig vor einem auf der Bühne: „Zum letzten Mal“, wie Naturtheater-Vorstand Rainer Kurze bei der Begrüßung betont und etwas dünnstimmiger und dickbäuchiger als damals, aber warum soll es denen anders gehen als uns. Nein, in die Kirmesliga der Oldierocker sind diese drei Herren um Mitbegründer und Sänger Klaus Peter Lietz noch nicht entglitten.

Vielmehr entwickelt das Quartett eine Menge Spielfreude und Bandleader Lietz nimmt sich mit witzigen Sprüchen regelmäßig selbst auf die Schippe. Quer durch alle Phasen ihrer Geschichte schrammeln und singen sie sich, wenn zu Beginn des Konzerts auch neuere Stücke des letzten und 24. Albums „Now More Than Ever“ überwiegen. Doch dann, endlich, „Shakin‘ All Over“ und schon sind wir mittendrin in der Vergangenheit.

Natürlich wirken die alten Hits nicht mehr ganz zeitgemäß, aber noch immer unverfälscht und authentisch. Bereits 1961 gewann die weltweit älteste amtierende Beatband bei einem Skiffle-Wettbewerb ihren ersten Preis.

Durchbruch mit Beatles-Film „Yeah Yeah Yeah“

Der Durchbruch gelang ihnen dann 1964, als der Beatles-Film „Yeah Yeah Yeah“ in die deutschen Kinos kam. Danach begann ihr musikalischer Triumphzug, der sie in den Hamburger Star Club, in dem auch schon die Beatles ihre Karriere begannen, aber auch als erste westliche Band für eine Konzerttournee in die Ostblock-Länder Polen und Jugoslawien führte.

Auftritte mit The Who, Kinks und Moody Blues

Es folgten Auftritte mit so renommierten Bands wie The Who, The Kinks, The Moody Blues oder The Beach Boys und bis 1989 verkauften sie allein sieben Millionen Singles.

Klaus Peter Lietz und seine drei Begleiter „Jupp“ Bauer (Gesang und Gitarre), Philippe Seminara (Schlagzeug) und Roger Schüller (Bass), der für den kurz vor Beginn der Abschiedstour erkrankten Bernd Zamulo einspringen musste, zelebrieren ihre Liebe zur Rockmusik vergangener Tage noch immer unbeschwert und es bereitet ihnen unstrittig Freude, aus dem Vollen zu schöpfen: „Have A Drink On Me“, das bluesgetränkte „Boom Boom“, „Fire“, „Que Sera“, „Gloryland“ und ihr wohl größter Hit „Poor Boy“ aus dem Jahr 1966 wirken frisch und kein bisschen angestaubt, was vor allem dem gut aufgelegten Gitarristen Jupp Bauer zu verdanken ist, dem wohl irgendwer heimlich ein Verjüngungsmittel verabreicht haben muss.

Es ist eine angenehme Art rockiger Schlagermusik, die da bei einer der langlebigsten Bands überhaupt von der Bühne schallt. Die Besucher klatschen, singen mit und am Ende gibt es kein Halten mehr und viele schwingen das Tanzbein. Ja, ja, die ewige Jugend: Zumindest bei The Lords wurde dieser wunderschöne Traum für knapp zwei Stunden Wirklichkeit.

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Jahre alt ist Klaus Peter Lietz in zwischen. Er ist das einzige Bandmitglied, das schon in den 1960ern zur Originalbesetzung gehört hat. „Poor Boy“ war der größte Hit der Band.