Das Projekt geht mittlerweile ins vierte Jahr, und diesen Sommer steht sogar eine ganze Tour an: Im Juni und Juli treten die Jung-Hip-Hopper beim „Kultur vom Rande“-Festival auf, in Hechingen, bei der großen „TALK Show“ im franz.K und auf der Bühne des KuRT-Festivals. Da wird gerappt, getanzt und eine Videoproduktion gezeigt. Die Teilnehmer sind vorwiegend Jugendliche, die aufgrund ihrer Hautfarbe, körperlicher oder geistiger Handicaps oder anderer sozialer Benachteiligungen immer wieder mit Diskriminierung und Ausgrenzung konfrontiert sind.

Solche Erfahrungen können sie jeweils ein Jahr lang beim Rappen, Tanzen, Fotografieren verarbeiten. Die 15- bis 18-Jährigen werden dabei sowohl künstlerisch als auch sozial betreut, um zu lernen, wie man auf negative Erlebnisse reagieren kann und wie man sich gegenseitig mit Respekt behandelt. Viele der Jugendlichen sind mit Rap und Hip-Hop aufgewachsen. Er ist ihr zentrales künstlerisches Ausdrucksmittel, aber auch in der Kunst lernt man ja nie aus.

Und so treffen sich die Teilnehmer beispielsweise der Rap-Gruppe einmal pro Woche, tauschen sich über die vergangenen Tage aus und versuchen dann, ihren Alltag, das Erlebte, ihre Träume, Wünsche und Emotionen in Worte und Reime zu fassen, die dann unter der Leitung von Rapper Kaspar Ruegenberg (KABU) und Mentorin Maria Kechaja auch noch in einen passenden Rhythmus gebracht werden.

Der Tanz-Workshop läuft ähnlich ab: Nach einer ersten Gesprächsrunde wählt man die Musik aus und entwickelt dazu unter der Leitung von Tanzlehrerin Teresa Ceran und Projekt-Koordinatorin Beke Weis eigene Tanzschritte und Choreographien.

Clip zur Barrierfreiheit

Hanna Smitmans wiederum leitet den Foto/Video-Workshop, der unter anderem den Rap-Song „Barrierefreiheit“ von Santiago als Videoclip produziert hat. Santiago sitzt im Rollstuhl, rappt aber schon seit seiner frühen Jugend und hat neulich auch beim Tonne-Theaterstück „Irre ist menschlich“ mitgerappt. Er sei eher zufällig zur Gruppe gestoßen, erzählt er. Nach einem Konzert im franz.K habe er angefangen, zu beatboxen – mit dem Mundwerkzeug einen Schlagzeugsound zu produzieren. Da hätten spontan ein paar Umstehende dazu gerappt und ihn in den Workshop eingeladen.

Jetzt hat er den Song geschrieben, aus dem die Videogruppe einen Clip gedreht hat: standesgemäß auf einem leerstehenden Fabrik-Gelände in Stuttgart mit viel Graffiti an den Mauern. Es geht um den Wunsch nach mehr Barrierefreiheit. Aber nicht nur der Text ist beim Rappen von Bedeutung, sondern auch der Rhythmus, der Flow, der Sound, die Performance und die Coolness.

Zu erzählen haben die Jungs und Mädels so einiges: Mohamedanes beispielsweise aus der Tanzgruppe ist syrischer Flüchtling und findet es toll, dass er in dem Projekt automatisch besser Deutsch lernt und mit anderen Jugendlichen tanzen kann. Er lernt in der Gruppe nicht nur verschiedene Choreographien, auch im Alltag wird ihm oft geholfen.

David und Benni wiederum sind Brüder, sie sind von einem Tübinger Workshop aus auf das Reutlinger Rap-Projekt gestoßen. David träumt als Küchen-Azubi von einer Karriere als Koch mit drei Sternen. Aber bis es soweit ist, verpackt er sein Leben in kreative Wortspiele, schnippelt Gemüse und auch „Rap-Gegner zu Lasagne“ und haut noch andere Sachen „in die Pfanne“.

Den Rappern ist es wichtig, nicht nur mit lustigen Sprachkreationen zu spielen, sondern durchaus auch anspruchsvolle Texte und Metaphern zu verwenden, die man nicht schon beim allerersten Hören entschlüsseln kann, erzählen sie. So wollen ihre Texte nicht nur spaßig oder emotional sein, sondern auch „messagereich und tiefgründig“, erklärt der Rapper KABU.

Die Workshops selbst gehen zwar immer über ein ganzes Jahr, aber man könne jederzeit dazustoßen, sagt Teresa Ceran. Trotzdem gebe es ein paar Regeln, wie KABU erklärt, vor allen Dingen sollen die Jugendlichen respektvoll miteinander umgehen. Jetzt stehen aber erst mal die Shows im Rampenlicht an.

TALK und DANCE: Unterstützer und Termine


Das TALK-Projekt wird getragen vom Netzwerk Anti-Diskriminierung e.V., dem franz.K und dem Fachdienst Jugend Bildung Migration der Bruderhaus-Diakonie Reutlingen. Das Projekt Rap und Foto/Video wird gefördert von der Bundesvereinigung Sozio­kultureller Zentren/Jugend ins Zentrum. Das TALK und DANCE- Projekt hingegen wird unterstützt von der GWG und der Landesarbeitsgemeinschaft offene Jugendarbeit/Demokratie stärken.

Termine Auftritte gibt’s am 28. Juni, 18 Uhr, bei Kultur vom Rande im Bürgerpark Reutlingen; am 1. Juli beim Festival Hechingen; am 8. Juli, 17 Uhr, bei der TALK-Show im franz.K, und am 15. Juli, 18.25 Uhr, beim KuRT-Festival. kk