Reutlingen Terrorismus hat keine Religion

Syrische Flüchtlinge bekundeten gestern Abend ihre Dankbarkeit für die Aufnahme in Deutschland.  
Syrische Flüchtlinge bekundeten gestern Abend ihre Dankbarkeit für die Aufnahme in Deutschland.   © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 30.07.2016
Eyad Alkonstantini zeigte auf dem Reutlinger Marktplatz mit zahlreichen anderen syrischen Flüchtlingen seine Betroffenheit über den Mord an einer Polin.

„Ich bin Syrer und in Damaskus aufgewachsen“, schrieb Eyad Alkonstantini in einem Brief, den er zusammen mit Rosen gestern Abend auf dem Reutlinger Marktplatz verteilte. „Damaskus war bis zum Krieg eine friedliche Stadt, in der Menschen verschiedener Herkunft und Religion friedlich zusammenlebten“, ist weiter in dem Brief zu lesen. „Wir sind nicht aus einer komplett anderen Welt hierhergekommen, wie viele Menschen vermuten“, betonte Alkonstantini. Die syrische Hauptstadt sei nicht viel anders gewesen als viele deutsche Städte.

Rund 100 syrische Flüchtlinge, die zurzeit in Reutlinger Unterkünften leben, hatten sich gestern Abend auf dem Marktplatz in einer Reihe aufgestellt und gingen mit großen Plakaten auf Distanz zu dem Mord, den ein 21-jähriger syrischer Flüchtling am vergangenen Sonntag begangen hatte. „Wir wollen in Frieden miteinander leben“, hatten die Asylsuchenden auf ein Plakat geschrieben. „Terrorismus hat keine Religion“ stand auf einem anderen.

Gleichzeitig zeigten die syrischen Geflüchteten auf dem Reutlinger Marktplatz Verständnis für die Reaktion der hier Lebenden: „Wir teilen ihre Ängste und Sorgen“, hieß es auf einem weiteren Plakat. Und: „Wir sind dankbar für die deutsche Gastfreundschaft.“ Eyad Konstantini betonte in seinem Brief aber auch: „Oft sind Flüchtlinge selbst die Opfer ständiger Gewalt, die von solchen Menschen ausgeht, da sie täglich in den Unterkünften mit ihnen konfrontiert werden.“ Dringend müssten Lösungen gesucht werden, damit sowohl die alltägliche Gewalt wie auch die Anschläge nicht nochmals passieren, meinte Alkonstantini. „Wir sind vor Krieg und Terror geflohen und distanzieren uns von jeder Form von Gewalt.“

Eigentlich war die Kundgebung auf dem Reutlinger Marktplatz am heutigen Samstag um 15 Uhr geplant. Weil aber ein „Herr Meier“ unter der Email-Adresse „Honorarkonsulat.polen“ einen Gedenkabend für die getötete Polin um 18 Uhr angekündigt hatte, befürchten Polizei und Ordnungsamt wohl rechte Umtriebe in der Stadt – und dass womöglich Flüchtlinge sowie andere Gruppierungen aufeinandertreffen könnten. Deshalb wurde die Aktion der Flüchtlinge um einen Tag vorgezogen. Gekommen waren im Übrigen zu den rund 100 Syrern etwa 250 Unterstützer, ehrenamtliche Helfer und Interessierte. Und alles verlief friedlich.