Digitalisierung Teil des Netzes der Innenstadt

Der gelbe Parksensor, die kleinen bunten Beacons vorne in der Mitte (kompakte Bluetooth-Sender) und Umweltsensoren liefern die Daten, aus denen die Dienstleistungsplattform ihre Informationen bezieht.
Der gelbe Parksensor, die kleinen bunten Beacons vorne in der Mitte (kompakte Bluetooth-Sender) und Umweltsensoren liefern die Daten, aus denen die Dienstleistungsplattform ihre Informationen bezieht. © Foto: Peter U. Bussmann
Reutlingen / Von Peter U. Bussmann 30.06.2017

Die Digitalisierung „können wir nicht verhindern, aber wir können sie aktiv mitgestalten“, sagte Reutlingens OB Barbara Bosch am Donnerstag bei der Vorstellung des jüngsten Projekts, der „Smart City“, was so viel bedeutet wie „intelligente“ oder „schlaue“ Stadt. Reutlingen ist  als eine von zwei bundesdeutschen Großstädten – neben Chemnitz – im Forschungsprojekt „Smart Urban Services“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aufgenommen worden. Reutlingen sei schließlich prädestiniert für den Einsatz smarter Technologien, machte Bosch deutlich, denn „täglich verlassen drei Millionen mikroelektromechanische Sensoren, so genannte MEMF-Sensoren, die Stadt“. Damit ist Reutlingen „der weltweit größte Standort dieser Sensoren von Bosch“, sagte die OB stolz.

Das Projekt mit einem Fördervolumen von knapp drei Millionen Euro, davon sind 800 000 Euro für den Technologieeinsatz, wird begleitet vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und vom Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Uni Stuttgart. Die Leitfrage dabei ist: Wie kann durch das Angebot von Smart Urban Services das städtische Wertschöpfungssystem stärker integrativ und nachhaltig zukunftsfähig ausgerichtet werden? „Wir wollen mit den neuen Technologien bessere Informationen verschaffen, was in der Stadt los ist“, sagte Jens Neuhüttler  vom Fraunhofer Institut.

In einem ersten Schritt soll in der Innenstadt zwischen Lederstraße, Bahnlinie und Gartenstraße ein Netz von Sensoren ausgebracht werden. Bluetooth-Sensoren messen Bewegungsströme von Verkehr und Fußgängern, Umweltsensoren erfassen Gase wie CO, CO2, NO, NOx, Feinstaub, Temperatur, Luftfeuchte und Schall. An 15 unterirdischen Müllsammlern in der Fußgängerzone erfassen Ultraschallsensoren den Füllstand und Verstopfungen, 135 Parksensoren registrieren durch Magnetfelder, ob ein Parkplatz auf der Straße belegt ist. Außerdem werden Beacons, kompakte Bluetooth-Signalgeber zur Lokalisierung von Smartphones im engeren Umkreis, eingesetzt.

Die Bluetooth-Sensoren sprechen allerdings nur an, wenn am Smartphone auch die Bluetooth-Funktion aktiviert ist, erläuterte Martin Feldwieser von der Uni Stuttgart. Menschen ohne Smartphone werden hier nicht erfasst und eingerechnet.

All diese Informationen aus den verschiedenen Bereichen werden in einer Datenplattform gesammelt und analysiert und der Dienstleistungsplattform zur Verfügung gestellt. Ein konkretes Beispiel der Nutzung hatte Markus Flammer vom Amt für Wirtschaft und Immobilien parat: Die Müllsammelbehälter in der Fußgängerzone lassen sich schlecht einsehen. Erkennen die Sensoren, dass ein Müllschacht nur verstopft, der Behälter selber noch nicht voll ist, reicht es, wenn die Technischen Betriebsdienste nur einen Mann mit einem Besen vorbeischicken, der „den verklemmten Pizzakarton runterdrückt“. Doch eigentlich sollen „intelligente Dienste angeboten werden“, sagt Jens Neuhüttler. Beispielsweise lasse sich die Füllgeschwindigkeit eines stationären Mülleimers in Abhängigkeit von einer Veranstaltung dort vorhersagen und die Routen zur Entleerung planen.

In Karten lassen sich die Daten entsprechend visualisieren und abrufen. So können etwa Verkehrsströme durch entsprechende Ampelsteuerung verbessert oder Nutzer über die Parksituation informiert werden.

Wichtiger Partner in der Vernetzung der Datenströme sind jedoch der Einzelhandel und die Gastronomie. Seit gestern ist die kostenlose App smaRT city – einkaufen, genießen, entdecken in Reutlingen online. Für die Geschäftsleute ist die Teilnahme im ersten Jahr kostenlos, wenngleich Christian Wittel von RT-aktiv verriet, dass „wir viel Zeit investiert haben, um das Projekt zum Leben zu erwecken“. Dafür ist er jetzt stolz, „Baustein eines Leuchtturmprojekts zu sein“.

Die App, die Snorri Sigurdsson von der Reutlinger Firma Digital M vorstellte, hat nicht nur jede Menge Infos und Suchfunktionen, sie reagiert auf die Nähe des Nutzers und unterbreitet, wenn gewünscht, individuelle Angebote im Laden gleich um die Ecke. Und GPS-gesteuert weist sie notfalls auch den Weg zum Händler des Vertrauens oder zurück zum eigenen Auto. Vorausgesetzt, man hat ein Smartphone zur Hand.

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