Reutlingen Tanz um die Malerei

Reutlingen / ULRIKE FRANZ 10.12.2014
Mit einer Installation von Kalin Lindena und monochromer Malerei von Thomas Arnolds eröffnete der Reutlinger Kunstverein dieser Tage in der Eberhardstraße 14 zwei umfangreiche Einzelausstellungen.

"Wo ist hier" war in der vorangegangenen Gesamtschau die Frage. Nun soll ein tieferer Einblick in das Oeuvre einzelner Protagonisten der gegenwärtigen deutschen Kunstszene gewährt werden. Ein wenig sperrig kommt sie schon daher, auf den ersten Blick, diese Doppel- oder besser gesagt: zweifache Einzelpräsentation.

Kratzbürstig und gegen den allgemeinen Begriff von Schönheit, Harmonie und Perfektion gekämmt. Zwei unterschiedliche, fast polarisierende Positionen: eine charmant verspielte Installation im stadtseitigen Teil, rein weiße, streng monochrome Malerei auf der Gegenseite.

In der Mitte ein zaghaftes, fast schüchternes Zusammentreffen der beiden Künstler in einer Koje, mit jeweils einer kleinen, beispielhaften Arbeit, diagonal einander gegenübergestellt.

Gleich am Eingang fällt der Blick auf ein ungleiches Paar abgenutzter Schutzhandschuhe, die linkisch über die nach oben ragenden Enden einer Beton- und Drahtfigur gestülpt sind. Dahinter mäandrieren weitere, fast bis zur völligen Abstraktion reduzierte Gestalten in tänzerischen Posen zwischen den freistehenden Wänden zum Ende des Raumes. Betont hastig zusammengenähte, teils mit Ornamenten besetzte, transparente und farbige Stoffbahnen verkleiden die Fenster und verbinden gleichzeitig den Innenraum mit Licht von draußen.

Schon in gotischen Kirchenfenstern beobachtete der Kunsthistoriker Hans Jantzen solche "Lichtbrücken" - ein Phänomen, welches mit der Bezeichnung "diaphane Wandstruktur" in die Kunstgeschichte eingegangen ist. All das zusammen ergibt ein Gesamtkunstwerk, eine reichhaltige Bühne mit Anklängen an Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett", dessen Wiederbelebung derzeit in Stuttgart gefeiert wird.

Kalin Lindena, nach einer bewegten Vergangenheit im Graffiti-Untergrund von Hannover, neuerdings mit dem Villa-Romana-Preis geadelt und als Professorin an die Akademie nach Karlsruhe berufen, liefert damit einen Vorgeschmack auf die zweite Überblicksschau mit dreidimensionaler Kunst, die im kommenden Herbst 2015 folgen wird.

Der Übergang zu Thomas Arnolds Präsentation fühlt sich an wie ein Wechselbad, wie ein Schritt vom wilden, lauten Großstadt-Dschungel direkt in die Stille der Antarktis. Wenige, großformatige, völlig auf das reine Titan-Weiß reduzierte Bilder, die sich ganz auf den Gestus des Pinselstrichs konzentrieren, den Spuren ihrer Entstehung nachspüren. Speziell für diesen Raum in Reutlingen hat Arnolds vergangenes Jahr in strenger Klausur in seinem Kölner Atelier - einige Reutlinger kennen es noch von der Sommer-Ausfahrt des Kunstvereins - eine Serie von über 20 rein weißen Tafelbildern erarbeitet.

Der zunächst als Steinmetz und Kirchenrestaurator in bodenständigen Berufen erfahrene Arnold sucht in dieser Malerei den Zugang zu Höherem, zu neuen Dimensionen. Er ist nicht der erste, der sich ausschließlich dem Thema Weiß verschreibt: Bahnbrechende Künstler wie Kasimir Malewitsch oder Robert Ryman haben dies schon im vorigen Jahrhundert ausgiebig, letzterer sogar lebenslang, getan.

Dennoch scheint Thomas Arnolds seinen völlig eigenen Weg darin gefunden zu haben. Ein intensives Studium seines Lieblingsbildes, Piet Mondrians "Tableau I" von 1926 im Kölner Ludwig-Museum, aufgebaut aus den Grundfarben Rot, Gelb, Blau sowie Schwarz und Weiß, hatte ihm den Zugang dazu verschafft. Narrativ und verspielt wie Kalin Lindenas Statisten, wirken die wie ein kompliziertes Strickmuster strukturierten Bild-Oberflächen seiner weißen Gemälde.

Wenige Gemeinsamkeiten, dennoch überwiegen deutlich die Gegensätze. Der Funke zwischen den beiden Ausstellungen scheint, warum auch immer, nicht hundertprozentig überzuspringen. Muss auch nicht. "Seltsam, im Nebel zu wandern. . ." schwingt nach an diesem trüben Dezembermorgen.

Zur Ausstellung erscheint bei Holzwarth Publications Berlin ein Katalog mit einem Gespräch zwischen Thomas Arnolds und Heide Häusler sowie Texten von Thomas Groetz und Christian Malycha. Zu Kalin Lindenas Ausstellung erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Susanne Kaufmann und Christian Malycha.

Dauer, Öffnungszeiten

Die Ausstellung des Kunstvereins Reutlingen mit Arbeiten von Kalin Lindena und Thomas Arnolds ist in der Stiftung Eberhardstraße 14 bis 1. Februar 2015 zu sehen (1. Stock). Geöffnet mittwochs bis freitags 14 bis 18 Uhr, samstags und sonntags und an Feiertagen 11 bis 17 Uhr.

SWP