Februar 2019 kommen gut 350 Schüler auf dem Marktplatz zusammen. „Wir sind jung, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut“ skandieren sie bei der ersten FridaysForFuture-Demo in Reutlingen. Voller Euphorie marschieren die Jugendlichen mit ihren Transparenten durch die Innenstadt.

Die Schlachtrufe sind dieselben

14. Februar 2020. Ein Jahr ist seit der ersten Kundgebung vergangen. Die Demonstranten sind zwar weniger geworden, ans Aufgeben denken diejenigen, die an diesem Valentinstag auf den Marktplatz gekommen sind allerdings nicht. Es ist die erste Tanzdemo, die heute gefeiert werden soll. Ein neues Format zwar – die Schlachtrufe, die Ziele und die Inhalte jedoch sind dieselben geblieben. „Stop denying earth is dying“ steht in großen Lettern auf ein Kartonschild geschrieben. Unter den Aktivisten sind nicht nur Schüler, sondern auch Väter und Mütter, die sich nicht weniger Sorgen um die Zukunft machen als ihre Kinder.

Ricarda Schneider, seit den Anfängen von FridaysForFuture (FFF) im Organisationsteam, steht am Mikro und zieht Bilanz. Stressig seien die vergangenen zwölf Monate gewesen, sagt sie. „Wir haben viel geplant und organisiert. Wir haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen und auch mit Klimaleugnern zu diskutieren“.

Das mittlerweile 30-köpfige Organisationsteam, das aus einer Schüler-Gruppe des Friedrich-List-Gymnasiums heraus entstanden ist, hat nicht nachgelassen in seinem Tun. Die Kundgebungen sind zwar inzwischen nur noch einmal im Monat, „weil wir das sonst zeitlich gar nicht schaffen würden“, wie Schneider sagt, aber auch zwischen den Demos läuft viel bei FFF. „Wir hatten hitzige Diskussionen mit Bundestagsabgeordneten“, blickt Sophia Wüsteney in ihrem Einladungsschreiben zur ersten Tanzdemo zurück auf das vergangene Jahr. „Und wir waren auch beim Oberbürgermeister, weil wir wissen wollten, wie wichtig ihm der Klimaschutz ist“, berichtet Ricarda Schneider auf der Marktplatz-Bühne. „Wir fanden bei ihm zwar Sympathie, aber den Worten sind keine Taten gefolgt“, erzählt sie eher kritisch von der Begegnung mit Thomas Keck.

Stadtbus und Recup

Dass sich in Reutlingen einiges getan hat, will Schneider gar nicht verschweigen. „Wir haben jetzt das Stadtbusnetz und das Recup-System.“ Aber das, findet sie, sei noch lange nicht genug – und spricht damit vielen ihrer Mitdemonstranten aus dem Herzen. Für ihre Rede bekommt die junge Aktivistin immer wieder Beifall von den knapp 100 Zuhörern. Dann setzt sich der Demozug in Bewegung. „Alle fürs Klima“ haben sie sich auf die Fahnen, genauer auf ein mehrere Meter großes Transparent geschrieben, das sie nun am Rathaus vorbei über die Oberamteistraße und wieder retour zur Wilhelmstraße tragen.

Mittendrin in der Menschenmenge, die mit Megaphonen und Trillerpfeifen eng gros ausgestattet ist, ist Ricarda Schneider jetzt zu finden. Ist es für sie nicht ein bisschen enttäuschend, das heute, zum Einjährigen von FFF in Reutlingen, weniger Aktivisten gekommen sind als damals zur ersten Kundgebung? „Das kann aber auch am neuen Format und der Uhrzeit liegen. 17 Uhr ist halt weiter weg vom Schulende als 13 Uhr. Da haben wir sonst immer demonstriert“, sagt sie. Doch noch weit nachdenklicher muss es sie doch machen, dass sich seit der ersten Demo in Sachen Klimaschutz kaum etwas geändert hat. „Frustrierend ist das schon. Aber wir versuchen, den Frust zu nutzen und in positive Energie umzuwandeln.“ Ans Aufgeben denkt die junge Frau nicht – und die Frage, wie lange sie noch weiterdemonstrieren will, verblüfft sie eher. „Na solange bis was passiert“, antwortet Schneider. Dass sie und ihre Mitstreiter unter Umständen noch sehr lange auf die Straße gehen müssen – daran will sie lieber nicht denken.

Als der Demozug wieder zurückkehrt auf den Marktplatz ist es dunkel geworden. Baram Agusev und seine Band, die das FFF-Team beim Alternativen Neujahrsempfang kennengelernt und zur Tanz-Kundgebung eingeladen hat, fangen an zu spielen. Bewegung kommt in die Menge. „Tanzen, Musik hören und laut und kräftig gute Laune verbreiten“: Die Parole hatte Sophia Wüsteney in ihrem Einladungsschreiben ausgegeben – auch wenn sich klimapolitisch nicht allzuviel getan hat seit dem 15. Februar 2019.