Reutlingen Tag der offenen Moschee: Missverständnisse ausräumen

Tag der offenen Moschee: Die "Ahmadiyya Muslim Jamaat" lud gestern in ihr Gebetszentrum in der Wörthstraße 55 ein. Foto: Jürgen Spieß
Tag der offenen Moschee: Die "Ahmadiyya Muslim Jamaat" lud gestern in ihr Gebetszentrum in der Wörthstraße 55 ein. Foto: Jürgen Spieß
Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 04.10.2012
Auch Reutlinger anderen Glaubens waren willkommen: Gestern trafen sich Mitglieder der muslimischen Gemeinde "Ahmadiyya Muslim Jamaat" zum Tag der offenen Moschee in der Wörthstraße.

Eigentlich hat das Gebäude, in dem sich die islamische Glaubensgemeinschaft zum Beten und Diskutieren trifft, nichts Einladendes an sich. Man erreicht das Gebetszentrum im zweiten Stockwerk der ehemaligen Möve-Fabrik über einen versteckten Hinterhof, die Wände des Treppenaufgangs sind kahl, und die Atmosphäre ist alles andere als sakral. Doch sobald man den Gemeindesaal in der Wörthstraße 55 betreten hat, ist der Weg dorthin schnell vergessen. Die Begrüßung ist herzlich, die Atmosphäre offen und warm. Auf den Tischen stehen Getränke und Teller mit Samosa (pakistanische Maultaschen), Reis und anderen warmen Köstlichkeiten.

An den Wänden hängen Fotos von Kommunal- und Landespolitikern, die die Gemeinde schon einmal besucht haben. Auch Finanz- und Wirtschaftsminister Dr. Nils Schmid lässt es sich nicht nehmen, den Gemeindemitgliedern zum wiederholten Mal einen Besuch abzustatten.

Seit 1986 besteht das Reutlinger Ahmadiyya-Gebetszentrum, das nur wenige hundert Meter von der Yunus-Emre-Moschee entfernt liegt. Während jene hauptsächlich von türkischen Moslems besucht wird, kommen die zurzeit 190 Mitglieder der Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft überwiegend aus Pakistan. Dort und in einigen anderen Ländern sind sie seit Jahren teils heftigen Pressionen und religiösen Verfolgungen ausgesetzt, da sie wegen ihrer abweichenden Lehrmeinungen von vielen Muslimen als nicht islamisch abgelehnt wird.

Dazu Basharat Ahmet, der Präsident der Ahmadiyya-Gemeinde: "Ein Hauptanliegen unserer Gemeinde besteht darin, den zeitgenössischen Islam von Aberglauben und Irrtümern zu bereinigen und den Menschen jenen friedliebenden und toleranten Islam näher zu bringen, der zu Zeiten des Religionsstifters Muhammad gelehrt und praktiziert wurde." Die Ahmadiyya Muslim Jamaat versteht sich als "Reformgemeinde", für die Glaube und Vernunft, Wissenschaft und Religion keine Widersprüche darstellen. "Wir wollen allgemeine Missverständnisse ausräumen, wie zum Beispiel, dass der Islam Gewalt im Namen der Religion und Zwangsbekehrungen erlaubt", sagt Ahmed.

Dass diesmal der Tag der offenen Moschee unter anderen Vorzeichen als in der Vergangenheit begangen wird, liegt vor allem an dem islamfeindlichen Schmähvideo über den Propheten Mohammed, das weltweit für heftige Diskussionen und Anfeindungen gesorgt hat. Auch hierzu vertritt die Gemeinde eine klare Aussage: Sie verurteilt zwar den Schmähfilm, lehnt aber jegliche Gewalt ab, auch die von islamistischen Extremisten, die das Video dazu benutzen, einen Konflikt heraufzubeschwören.

Gewaltfreiheit und friedvolles Handeln fängt mit der Gastfreundschaft an. Im Gebetszentrum der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat-Gemeinde wurden an diesem Tag viele Fragen gestellt und beantwortet - und vor allem einige Missverständnisse über den Islam ausgeräumt.

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