Reutlingen Täter wegen Mordverdachts in Haft

Reutlingen / RALPH BAUSINGER/dpa 26.07.2016
Einen Tag nach der Bluttat in Reutlingen wurde der Täter in Haft genommen. Die Staatsanwaltschaft Tübingen und die Polizei ermitteln gegen den 21-Jährigen wegen Mordverdachts und des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung.

Die rot-weißen Absperrbänder sind wieder verschwunden, der Verkehr rollt wieder durch die Innenstadt. Reutlingen vermittelte am Montag den Eindruck,  als hätte es diese grausame, brutale Tat nicht gegeben. Allein Blumensträuße und brennende Kerzen, die im Durchgang zwischen dem Zentralen Omnibusbahnhof und der Federnseestraße niedergelegt sind, erinnern daran, dass an diesem Ort ein 21-jähriger syrischer Asylbewerber eine 45-jährige Polin grausam mit einem Dönermesser getötet hat. Schüler, welche die Stelle passieren, halten inne, gedenken der Toten.

Gegen den 21-jährigen syrischen Asylbewerber aus Reutlingen ermitteln die Staatsanwaltschaft Tübingen und die Kriminalpolizeidirektion Esslingen wegen Mordverdachts und des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung. Der Mann war am Montagnachmittag auf Antrag der Staatsanwaltschaft vom Haftrichter in eine Justizvollzugsanstalt eingewiesen worden.

Wie die Polizei mitteilt, war es zwischen dem 21-Jährigen und seiner 45 Jahre alten, aus Polen stammenden Freundin in der Stadtbachstraße zu einem Streit gekommen. Dabei hatte der Syrer sein Opfer durch ein etwa  60 Zentimeter langes Dönermesser tödlich im Kopfbereich verletzt. Anschließend schlug der 21-Jährige mit dem Messer die Scheiben eines roten Citroën ein. Dabei erlitt die 51-jährige Fahrerin Schnittwunden am Unterarm, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Der 41-jährige Beifahrer erlitt durch den Angriff einen Schock und kam ebenfalls ins Krankenhaus.

Danach begab sich der junge Mann in eine in der Nähe befindliche Gaststätte in der Eberhardstraße und verletzte dort einen 23-jährigen Mann im Gesicht. Im Anschluss ging der Täter zu einem Imbiss in der Wilhelmstraße und schlug dort mehrfach mit dem Messer auf einen Holztisch ein. Er flüchtete dann wiederum über die Karlstraße, wo er von einem BMW erfasst und zu Boden geschleudert wurde, da der Fahrer nicht mehr rechtzeitig reagieren konnte, um einen Unfall zu vermeiden. Gerüchten, die am Sonntagabend in der Stadt kursierten, der BMW-Fahrer habe den Tatverdächtigen absichtlich angefahren, widersprach Polizeisprecher Christian Wörner: „Das war ein ganz gewöhnlicher Verkehrsunfall.“

Der Tatverdächtige konnte noch in der Nacht vernommen werden. Eigenen Angaben zufolge gab es eine Beziehung zwischen dem 21-Jährigen und der 45-Jährigen. Beide waren in einer Gaststätte angestellt und kannten sich von der Arbeit. Berichte über eine Schwangerschaft des Opfers wollte die Polizei auch am Montag nicht bestätigen. Inzwischen ist die Leiche der Frau obduziert worden. Laut Tübinger Staatsanwaltschaft ist sie an den Verletzungen an Kopf und Hals gestorben und ist nicht schwanger gewesen.

Bei der Vernehmung hätten sich Hinweise auf psychische Auffälligkeiten beim Tatverdächtigen ergeben. „Ob es sich um eine psychische Erkrankung handelt, müssen die weiteren Ermittlungen zeigen“, sagte Wörner.

Die Kriminalpolizei hat noch vor Ort die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat aufgenommen und eine zehnköpfige Ermittlungsgruppe eingerichtet. Sie geht derzeit von einer Beziehungstat aus. Inwieweit das Motiv in einer psychischen Erkrankung liegen könnte, ist Gegenstand weiterer Ermittlungen.

Der Tatverdächtige ist der Polizei wegen verschiedener Delikte, unter anderem wegen Körperverletzung, Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie Eigentumsdelikten bekannt. Er befindet sich seit etwa einem Jahr in Deutschland und kam vor gut vier Monaten nach Reutlingen (siehe Infokasten). Laut Polizei handelt es sich um einen Einzeltäter, eine Gefahr für die Bevölkerung in und um Reutlingen bestehe nicht. Anhaltspunkte für einen terroristischen Hintergrund lägen nicht vor, hatte die Polizei schon am Sonntagabend festgestellt.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach den Opfern und ihren Angehörigen am Montag sein Mitgefühl aus. Er sei erschüttert, sagte der Minister. Baden-Württemberg will nach den Anschlägen im Süddeutschland die Polizeipräsenz bei größeren Veranstaltungen erhöhen - „sichtbar und nicht sichtbar“, sagte Innenminister Thomas Strobl (CDU) in Kehl. Damit wolle man das Sicherheitsgefühl der Bürger stabilisieren, aber auch auf die objektiv angespannte Sicherheitslage reagieren.

Das Zimmer des Reutlinger Verdächtigen in einer Flüchtlingsunterkunft sei durchsucht worden, hieß es. Die Polizei berichtete bereits kurz nach der Tat, dass es sich „um einen 21-jährigen Asylbewerber aus Syrien“ handele. Einen Zusammenhang zwischen der Herkunft und der Tat sehen die Ermittler nach eigenen Angaben jedoch nicht. Am Montag hieß es, das Asylgesuch des Mannes sei anerkannt.

„Wir trauern mit den Angehörigen der getöteten Frau in Reutlingen und sind in Gedanken bei den Angehörigen der Verletzten von Reutlingen und Ansbach“, sagte Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Montag in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die derzeit zu Hause in der Uckermark sei, werde laufend über die Ermittlungen informiert.

Das Polizeipräsidium Reutlingen hatte am Sonntagabend knapp 100 Kräfte im Einsatz. Dabei wurde das Polizeipräsidium Reutlingen durch das Polizeipräsidium Einsatz unterstützt.

Der Polizei wurden mehrere Meldungen mit offensichtlich unwahrem Inhalt in den sozialen Netzwerken bekannt. Die Verbreitung solcher Informationen werde bei Bekanntwerden auf strafrechtliche Relevanz geprüft und gegebenfalls ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Polizei bat per Pressemitteilung nachdrücklich darum, bewusst keine unwahren Inhalte in den sozialen Medien zu verbreiten.

Für die bei der Messerattacke in Reutlingen getötete 45-jährige Frau wollen Polen einem Bericht zufolge, einen Trauermarsch in der Stadt organisieren. An diesem Samstag solle schweigend der Frau polnischer Herkunft gedacht werden, die am Sonntag auf der Straße getötet wurde, berichtete die polnische Nachrichtenagentur PAP.
 

Tatverdächtiger kam aus Bayern

Der Tatverdächtige war, wie der städtische Pressesprecher Wolfgang Löffler gestern berichtete, im März als anerkannter Flüchtling aus Bayern nach Reutlingen gekommen. Er wurde zunächst  in einer Flüchtlingsunterkunft in Ohmenhausen untergebracht, wo er durch Diebstähle und andere Delikte wie Körperverletzung auffiel. Über Bronnweiler kam er in die Ypernkaserne im Ringelbach , wo er  in einem Einzelzimmer „zum Schutz der Anderen“, wie Löffler betonte, untergebracht wurde. Der 21-jährige Syrer habe Hausverbot in allen anderen städtischen Flüchtlingseinrichtungen. Die Stadt sei verpflichtet, Flüchtlinge unterzubringen und könne gewalttätige Leute auch nicht einfach wegschicken oder in Gewahrsam nehmen.

Den Verantwortlichen der Stadt sei bewusst, dass die Bluttat der Akzeptanz  von Flüchtlingen schade. Dennoch dürften diese nicht unter Generalverdacht gestellt werden, mahnte der Pressesprecher.   rab