Sie wollen Veränderung in der evangelischen Kirche. Pfarrer Martin Rose und Professor Dr. Martin Plümicke kandidieren bei den Synodalwahlen der Württembergischen Landeskirche am 1. Dezember für den Gesprächskreis „Offene Kirche“, der auf der Skala als eher links-liberal verortet werden kann. Offen, einladend, solidarisch und innovativ, so stellen sich die beiden die zukünftige evangelische Kirche vor. Und machen keinen Hehl aus ihrer Unzufriedenheit mit den derzeitigen kirchlichen Strukturen. „Selbst wenn die Offene Kirche eine Mehrheit bekäme, würde sich so schnell nichts ändern, weil der Oberkirchenrat ja bleibt“, kritisieren Rose und Plümicke. Für Plümicke ein Zeichen „königlich-württembergischen Denkens“, das sich in dieser Struktur noch immer spiegele. Man brauche aber einen Oberkirchenrat, in dem auch die Mehrheitsverhältnisse in der Synode abgebildet seien, fordert er. Das bedeutet: Nach der Synodalwahl müsste laut Offener Kirche auch der Oberkirchenrat neu besetzt werden. Doch dies ist bislang Wunschdenken.

Ehe für alle

Dennoch wollen die beiden Synodalkandidaten Nadelstiche setzen und gegen die anderen Gesprächskreise in der Synode reüssieren. Eines der herausragenden Themen ist für die „Offene Kirche“ die Gleichstellung homosexueller Paare bei der Trauung. Die „Ehe für alle“ müsse endlich auch vollständig in der Landeskirche eingeführt werden. Den erst in diesem Jahr ausgehandelten Kompromiss halten Rose und Plümicke für wenig zielführend. Aber auch weitere Lebensformen, die längst Teil der Realität seien, müssten endlich auch in der Kirche anerkannt werden. „Ich denke an die alleinerziehende Mutter, die allein am Taufstein steht“, sagt Plümicke. Darauf habe die Kirche noch keine Antwort gefunden. Und es gelte, verschiedene Menschen und verschiedene Lebensweisen, wie sie in der Gesellschaft vorherrschen, auch in der Kirche zu integrieren. „Wir müssen eine Volkskirche für alle sein.“

Der 59-jährige Pfarrer Rose setzt sich in seiner Gemeinde in Mägerkingen überaus engagiert für Flüchtlinge ein. Gerade auch diesbezüglich fordert er eine „offene und einladende Kirche“, in der sich jeder wohlfühle. Ebenso habe er in Mägerkingen beste Kontakte mit Vereinen, es gebe gemeinsame Veranstaltungen und er habe auch schon junge Vereinsmitglieder eingeladen, um mit ihnen über die Kirche zu diskutieren. „Da muss ich leider oft hören, dass junge Leute die Kirche als verstaubt, nicht einladend und von der Wirklichkeit abgewandt empfingen“, bedauert Rose.

Die Gemeinden vor Ort geben der Kirche das Gesicht, davon sind Rose und Plümicke zutiefst überzeugt. Die Menschen interessieren sich letztlich nicht dafür, was in der Synode in Stuttgart entschieden wird. Sie wollen wissen, wie es für ihre Ortsgemeinde weitergeht, erzählen die beiden aus Erfahrung. Plümicke, 51 Jahre alt und Professor für Informatik, ist seit zwölf Jahren Synodaler und leitet den Gesprächskreis der „Offenen Kirche“. Seit drei Jahrzehnten ist er zudem Kirchengemeinderat und Vorsitzender des Kindergartenausschusses der Gesamtkirchengemeinde. Die Arbeit vor Ort stehe und falle mit den Personalstellen, betonen Rose und Plümicke. Deshalb ist es für sie auch unverständlich, dass Pfarrstellen gekürzt werden, solange Steuern sprudeln, wie sie betonen. Wenn der Gemeindepfarrer wegfalle, sei dies auch ein herber Einschnitt für die gesamte Gesellschaft. „Ehrenamtliche können dies nicht auffangen.“

Sparen ja, aber an der richtigen Stelle, fordern Rose und Plümicke. Zum Beispiel an den Strukturen. „Die kosten uns unheimlich viel Geld.“ Wieso es allein im Landkreis Reutlingen drei Kirchenbezirke gebe, sei niemandem zu vermitteln.

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Geht es nach der Offenen Kirche, sollten die Ortsgemeinden aber noch auf andere Weise, nämlich finanziell gestärkt werden. Der Oberkirchenrat behalte das Steuergeld, das eigentlich den Ortsgemeinden zustehe, zurück und zahle nur einen bestimmten Anteil aus. Das könne nicht sein.

Nicht weniger als die vollständige Finanzhoheit über den Steueranteil, der den Gemeinden zusteht, fordert die Offene Kirche. Ohnehin, das Anhäufen von Geldreserven für schlechte Zeiten sei ja grundsätzlich nicht schlecht, sagt Rose. Allerdings stelle er auch eine gewisse Ängstlichkeit in der Kirche fest, die „mit der Botschaft nicht einhergeht“.

Thema Wohnungsnot

Und dann will die Offene Kirche noch bei einem Thema Zeichen setzen, das derzeit eine große Mehrheit betrifft: Wohnungsnot. Sie will sich dafür einsetzen, kirchliche Mittel für sozialen Wohnungsbau zu verwenden. „Es geht vor allem um bezahlbaren Wohnraum“, verdeutlicht Plümicke. Aus eigener Erfahrung in seinem Bekanntenkreis weiß er, dass selbst Menschen mit mittleren Einkommen keinen bezahlbaren Wohnraum mehr finden. „Hier könnte man die Rücklagen sinnvoll investieren“, ist er überzeugt. Rose und Plümicke sehen in der Wohnungsnot ohne Frage den „größten sozialen Sprengstoff“ in unserer Gesellschaft. Am 25. November diskutiert die Offene Kirche im Gemeindehaus in Betzingen mit Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck zu eben diesem Thema.

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Die Württembergische Landeskirche ist die einzige Evangelische Landeskirche mit Urwahl. Das heißt, jedes Kirchenmitglied kann die Synodalen wählen. Die Synodalwahl findet alle sechs Jahre statt, die nächste Wahl ist am 1. Dezember. Die Offene Kirche hält derzeit 32  von 98 Sitzen. Neben der Offenen Kirche gibt es die „Kirche für morgen“, „Evangelium und Kirche“ und die „Lebendige Gemeinde“.

Der Oberkirchenrat ist die eigentliche Kirchenleitung und besteht unter der Leitung von Landesbischof Frank O. July aus allen Dezernenten, aus Oberkirchenrat Dieter Kaufmann als Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg sowie aus den vier Prälatinnen und Prälaten. Zudem zählen zwei Mitglieder ohne Stimmrecht zum Gremium dazu.