Es ging um Ahnungen. Ute Kleeberg etwa hatte vor rund einem Jahr eine solche, als sie sich mit Uwe Stoffel erstmals über das Programm des Abends gebeugt hatte. Schon damals spürte sie die Brisanz ausgewählter Texte zum Thema Europa: Ein Kontinent befindet sich im Umbruch.

Freilich ist es nicht der Anspruch der Edition See-Igel, die politischen Vorkommnisse durchzudeklinieren. Aber durchaus, sie sinnbildlich zu kommentieren. Und das tat der musikalisch-literarische Salon dieser Tage vor rund 150 Zuhörern unter dem Titel "Blaue Hortensie", vielleicht zufällig, aber stets hellsichtig mit einem Blick zurück.

Im Zentrum stand dabei der Briefwechsel zwischen den Literaten Joseph Roth und Stefan Zweig. Das drohende Ungemach ihrer Zeit ahnend, flüchteten sie in den 30er Jahren ins Exil. Vereint waren sie in der Verachtung der menschenfeindlichen Umtriebe in ihrer einstigen Heimat, aber auch durch die Suche nach Stabilität, nach gegenseitiger Achtung und Freundschaft inmitten des Chaos, das damals Europa heimsuchte. Ihre Zeilen sind dafür intime Zeugnisse. Zeugnisse, die nicht zuletzt durch den Sprecher Charles Brauer an Gestalt gewannen - mit seinem umsichtig und ausdrucksstark gestalteten Vortrag. Der ehemalige "Tatort"-Kommissar war von Ute Kleeberg als "weiser Mann mit einer wunderbaren Erzählstimme" angekündigt worden. Und er hielt mehr als nur ein Wort.

Eingerahmt wurden die teils von Sehnsucht, teils von verbitterung geprägten Texte der Literaten durch musikalische Interventionen der romantischen Gangart. Wen-Sinn Yang am Violoncello und sein Partner am Klavier, Adrian Oetiker, steuerten mit famosem Spiel die Sonate für Cello und Klavier von César Franck und die Albumblätter des Ukrainers Reinhold Moritzevich Glière in Einzelstücken bei.

Eher romantisch und schwelgend angelegte Gefühligkeit vor dem Hintergrund einer gewaltsamen Zeitenwende, an der die beiden Briefschreiber damals zu zerbrechen drohten? Ein Kontrast, der zunächst seltsam erscheinen mag und sich doch als Wegweiser durch den Abend bewähren sollte: Gerade wenn die Nacht am dunkelsten ist, so der lautmalerische Kommentar, gewinnt die Suche nach Geborgenheit, nach Heimat, Liebe und Hoffnung besonderen Wert. Dem so angelegten Spannungsbogen konnte man sich nur schwerlich entziehen, wenngleich er einen bittersüßen Nachgeschmack hinterließ.

Einen Ausweg bot Stefan Zweig selbst. In seinem Gleichnis zum Turmbau zu Babel von 1930 ahnte er damals die aufkeimende Zerrissenheit Europas, beschwor aber gleichzeitig die Kraft des Kontinents, sollten sich seine Nationen gemeinsam an das gute Werk machen. Seine Zeilen von damals entwickeln immer noch - und gerade heute vor der tagespolitischen Kulisse - eine aufrüttelnde Aktualität.

Ein dramatischer Glücksgriff vielleicht, aber sicher einer, der sich sehr gut einfügte in einen Abend, der von den Zeilen zwischen den Zeilen lebte. Prosaische Urgewalten trafen auf musische Zwischenwelten. Das alles verdichtete sich zu einem fein gestrickten, vielgesichtigen Erzählstrang, an dessen Ende es ausgerechnet dem schmerzerprobten Rainer Maria Rilke vorbehalten war, mit der "Blauen Hortensie" Hoffnung zu verbreiten. Mit eben jenen Blumen ausgestattet, nahmen die Protagonisten des Abends den großen Beifall der Zuhörer entgegen.