Amtsgericht Streitschlichter oder  doch Gewalttäter?

Reutlingen / Norbert Leister 11.07.2018

 Da war wohl eine ganze Menge Alkohol im Spiel, als am 26. August ein Haufen junger und nicht mehr ganz so junger Menschen in eine Reutlinger Tanzbar strebte – nachdem das Weinfest dicht gemacht hatte. Was dann in der Bar passierte, ließ sich gestern vor Gericht nicht mehr klären. Fakt war: Ein 53-jähriger Abteilungsleiter eines Sportvereins war angeklagt, weil er in der Nacht gegen 1.40 Uhr den Kopf einer jungen Frau auf einen Tisch geschlagen haben soll.

Die Staatsanwaltschaft hatte aus der Anzeige der Geschädigten einen Strafbefehl gegen den Mann gemacht – er sollte 3200 Euro Strafe bezahlen. Dagegen hatte Verteidiger Hans-Christoph Geprägs Widerspruch eingelegt. Nun trafen sich die Beteiligten gestern zum zweiten Verhandlungstag vor Gericht. „Ich kann Ihnen jetzt drei Versionen anbieten, die ich hier bereits gehört habe“, sagte Amtsrichter Eberhard Hausch zu einem Zeugen. Entweder soll der Angeklagte den Kopf der Frau „mit Schmackes auf den Tisch geknallt haben“. Oder: Der vermeintliche Täter habe dem Opfer einen Faustschlag ins Gesicht versetzt. Die dritte Version eines weiteren Zeugen: Der Angeklagte habe einen Streit der Geschädigten mit einer anderen Frau schlichten wollen.

Das mit dem Faustschlag könne nicht sein, behauptete daraufhin der Zeuge. Allerdings schien es mancher Zeuge nicht ganz ernst zu nehmen mit der Wahrheit. Zumal das Ganze schon fast ein Jahr her ist, offensichtlich damals auch viele Emotionen im Spiel waren. „Das Geschehen hatte ja ein Vorspiel, wie ich später erfahren habe“, so eine Aussage.

Als nämlich dieser Zeuge mit seiner Partnerin auf der Tanzfläche war, sei die Geschädigte gekommen, habe die Tanzpartnerin an die Gurgel gegriffen und sie gewürgt. Um Eifersucht, gekränkte Eitelkeit oder was immer sei es gegangen, führte er aus. Die Wunde am Hals sei deutlich sichtbar gewesen, habe geblutet. Darum ging es aber nicht. „Wir haben nun viele Versionen gehört, was in Bezug auf den Schlag hätte sein können“, sagte Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Trück.

Er glaube dem Zeugen, der den nüchternsten Eindruck hinterlassen habe – und offensichtlich unbeteiligt das Geschehen beobachtete. Nach dessen Schilderungen habe der Angeklagte der Geschädigten einen Faustschlag gegen die Stirn versetzt. 6400 Euro Strafe sind laut Trück „ein Sonderangebot, es gibt sonst mehr für so eine vorsätzliche Körperverletzung“. Rechtsanwältin Nadine Strohmaier sagte als Vertreterin der Geschädigten: „Was hätte meine Mandantin für ein Motiv, den Angeklagten zu belasten, den sie doch gar nicht kennt?“

Darauf Anwalt Geprägs: „Und was hätte mein Mandant für ein Motiv, acht bis zehn Meter über die leere Tanzfläche zu einer ihm Unbekannten zu gehen, ihr einen Faustschlag zu versetzen und dann wieder wegzugehen?“ Zudem widerspreche der Zeuge, auf den sich der Oberstaatsanwalt stützte, „allem, was die anderen berichtet haben“. Alle hätten nämlich ausgesagt, dass die Tanzfläche rappelvoll war. „Klar ist, dass es hier jede Menge Widersprüche gibt“, so der Anwalt. Also müsse es heißen: „In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten“, sagte Geprägs.

Das sah der Richter genauso, er sprach den 53-Jährigen frei vom Vorwurf der Körperverletzung. Und drohte zudem der Geschädigten, dass sie selbst ein Verfahren an den Hals kriege – die Frau habe unter Eid ausgesagt, dass sie die andere Frau  nicht gewürgt habe. Was laut Hausch offensichtlich nicht stimmte. Wer jedoch für die Verletzung im Gesicht der Nebenklägerin verantwortlich war – das blieb auch nach der Verhandlung im Dunkeln.

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