Ein Großteil der komponierten Musik lässt sich nicht so einfach in eine Schublade stecken. Wird eine frühe Sinfonie zur Kammermusik, wenn sie von einem kleinen Ensemble gespielt wird? Wird ein Streichquartett zur Sinfonie, wenn ein Orchester die vier Stimmen vervielfacht? Dabei kann auch die Raumfrage knifflig werden: Für manche Ensembles in Zwischengröße ist der kleine Saal zu klein, der große Saal zu groß. So bei diesem Kammermusik-Abend, der auch im Auditorium entsprechende Lücken aufwies.

Radikale Ausdruckskunst

Zu Gast war die etwa 20-köpfige Hamburger Camerata unter Leitung von Hartmut Rohde. Den ersten Teil des Abends bestritt sie mit Werken aus Klassik und Post-Klassik: Zwei frühen Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart sowie „Milky Way“ von Arvydas Malcys, einem litauischen Komponisten von heute. Mit den Sinfonien KV 124 und 183 nahmen Rohde und seine Musiker/innen die Lauschenden mit auf Mozarts Weg von der gefälligen Hofmusik zur radikalen Ausdruckskunst. Mit straffem Tempo und seidigem Klang loteten sie Mozarts frühe Sinfonie KV 124 aus, so tief und detailgenau es ging: Da wurden unscheinbare Phrasenenden zu abgründigen Übergängen, was dorfmusikantisch schlicht notiert war, zur Vorahnung von Großem. Etwa der folgenden g-Moll-Sinfonie KV 183, deren radikales Aufbegehren in aller Schärfe dargestellt wurde. Fast zu rigoros in den Hörnern: Mozart hat zwar wirklich vier Hörner vorgeschrieben, doch nicht die Hochleistungshörner von 2019, sondern die leiseren seiner Zeit.

Als „Postscriptum zu Mozart“ hat Arvydas Malcys seine Komposition „Milky Way“ aus dem Jahr 2004 bezeichnet. Es ist tatsächlich leicht und nonchalant, es verwendet Melodik und Phrasen wie in der Wiener Klassik – aber Metrum und Rhythmen sind so kompliziert ver-rückt und verschoben, dass man den Boden unter den Füßen verliert. Eine extreme Anforderung für alle Beteiligten, hochkonzentriert und sicher gemeistert von der Hamburger Camerata.

Im zweiten Teil gesellten sich die Geigerin Nora Chastain und der Pianist Friedemann Rieger – der künstlerische Leiter des Reutlinger Kammermusikyzklus selbst – als Solisten zur Hamburger Camerata. Ihr Stück, das Concerto für Violine, Klavier und Streichquartett op. 21 von Ernest Chausson, ist eine Hommage an die (klein besetzten) barocken Concerti. Wie hier als Doppelkonzert mit dicken Orchester-Tutti aufgeführt, übergeht es Chaussons Anliegen. Tatsächlich wirkte es teilweise massiv wie ein russisches Klavierkonzert, auch wenn an Klang, Präzision und Zusammenspiel nichts auszusetzen war.

Der Klavierpart besteht großteils aus rauschenden Begleit-Arpeggien; Friedemann Rieger bewies hier Einfühlungsvermögen und bewundernswerte Virtuosität. Der eigentliche Solopart ist der Violine zugedacht, von Nora Chastain mit schlanker Tongebung und nuancenreicher Ausdruckskraft zur Geltung gebracht. Sie vermied das Absinken in die schwelgerische Larmoyanz, die sich hier aufdrängt, und behielt ihre sachlich-sensible Kontrolle im Sinn der französischen „clarté“.

Nur der zweite Satz, eine „Sicilienne“, hat seinen Charakter in der Orchestrierung bewahrt: als leicht beschwingter Tanzsatz, der dem Publikum als frühlingsfrische Dreingabe nach dem Schlussapplaus ein zweites Mal geschenkt wurde.

Die nächste Veranstaltung


„German hornsound“ ist die nächste Veranstaltung beim 44. Reutlinger Kammermusik-Zyklus am Freitag, 22. März, um 20 Uhr. Ein besonderes Schmankerl erwartet die Zuhörer unter dem Titel „Siegfried und Violetta“ oder „List, Last, Lust und Lunge“: Ein Opernfragment in drei Akten für die vier Hörner von german hornsound und einem Sprecher. Thema ist die fiktive Begegnung von Richard Wagner mit Giuseppe Verdi in einem Café in Venedig. Das Libretto schuf Herbert Rosendorfer zusammen mit Karl Dietrich Gräwe. Dazu erklingen bekannte Melodien aus Opern Wagners und Verdis, arrangiert für vier Hörner.